Sehenswürdigkeit Holocaust – Ist Auschwitz eine Touristenattraktion?

Die sowjetischen Truppen haben das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 befreit. Etwa zwei Jahre später wurde das Gelände zu einem Museum. Jährlichen besuchen über eine Million Menschen die Arbeits- und Vernichtungslager in Auschwitz. Das Museum erinnert an die schrecklichen Verbrechen der Nazis. Inzwischen ist die Gedenkstätte allerdings auch zu einer makaberen Touristenattraktion geworden.

Die junge Frau aus dem Hostel in Krakau reicht mir einen Flyer. Hier werden verschiedene Ausflüge angeboten. Neben dem berühmten Salzbergwerk gibt es auch eine Tour nach Auschwitz mit einer Führung. Etwa 35 Euro soll der halbe Tage mit Transport, Eintritt und Besichtigung von Auschwitz 1 und Auschwitz-Birkenau kosten. Davon auf eigene Faust nach Auschwitz zu fahren, rät sie mir ab. Ich will es mir überlegen und stecke den Flyer ein. 

Ein dunkler VW Bus fährt vor. Der junge Fahrer steigt aus. Er trägt ein weißes Hemd und ein Sakko. „Die Verspätung tut mir leid“, entschuldigt er sich. Dann öffnet er mir die Tür und ich steige ein. In der engen Gasse vor dem Hostel hat sich bereits eine kleine Schlange hinter uns gebildet. Wir fahren los. Vor dem Büro des Reiseunternehmens hält der Wagen. Ein junger Mann steigt ein. Zwei Canon Spiegelreflexkameras hängen an seinem Hals. Er kommt aus Singapur und studiert in den Niederlanden. Den „Trip“ nach Auschwitz habe er erst gestern Abend gebucht. „Ein Krematorium zu besuchen hat sich spannend angehört“, sagt er. Der Wagen stoppt wieder. Dieses Mal vor einem vier Sterne Hotel in Krakau. Ein Pärchen steigt ein. Sie sind top gestylt. Doch sehen die Jacken und die nackten Knöchel ziemlich kalt aus. In Auschwitz soll es ziemlich windig sein. Die beiden klettern auf die Rückbank des Wagens. 

„Ich habe einen Film vorbereitet“, sagt der Fahrer und drückt auf einen Knopf an der Decke des Autos. Langsam klappt der Bildschirm auf. Er drückt auf Play und der Titel „The Liberation of Auschwitz“ leuchtet auf dem Bildschirm auf. Die Dokumentation soll uns auf den Tag vorbereiten. Der Film zeigt die Aufnahmen von sowjetischen Kameramännern nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee. Kameramann Alexander Woronzow, der die Soldaten begleitete, spricht in Interviews über die grauenvollen Zustände. „All das, was ich dort gesehen und im Lager gefilmt habe, das war das Schrecklichste, was ich während des großen vaterländischen Krieges je gesehen und aufgenommen hatte“, sagt er in dem Dokumentationsfilm während schwarz-weiß Aufnahmen des Konzentrationslagers gezeigt werden. Ich kriege einen Kloß im Hals. Der Student aus Singapur ist eingeschlafen. Auch die blonde Frau aus Schweden schläft.

Nach etwa anderthalb Stunden erreichen wir den Parkplatz von Auschwitz 1. Große Reisebusse stehen hier nebeneinander. Der Fahrer unserer Tour parkt in einer hinteren Ecke neben anderen Minibussen und bringt die Gruppe zum Eingang. „Hier ist das Café und die Toilette“, erklärt er und zeigt auf das rote Backsteingebäude. Wir bekommen Aufkleber, die wir an unseren Jacken anbringen sollen, damit man direkt sieht, zu welcher Gruppe wir gehören. In 15 Minuten sollen sich alle wieder hier einfinden. Im Keller befinden sich die Toiletten. Die Nutzung kostet 1,50 Zloty. Am Waschbecken kontrolliert eine junge Frau ihr Make-Up. Vorbei an einer Menschentraube vor dem Kaffeestand gehe ich zurück nach draußen an den Treffpunkt. Der Wind weht über den Parkplatz. Zwischen den Bäumen stehen einige Jugendliche. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Schulklasse. Eines der Mädchen hält einen Coffee-to-go-Becher in der Hand. Sie posiert für Ihr Smartphone. Rechts, links, den Blick seitlich, die Haare über die Schulter. Es dauert einen Augenblick, bis sie zufrieden scheint. 

In der Warteschlange herrscht bei einigen ausgelassene Stimmung. Sie lachen und unterhalten sich. Sind sie sich noch nicht im Klarem darüber, was sie hier erwartet, oder nur ignorant? Der Student aus Singapur kommt aus dem Café und gesellt sich zu mir. Er versucht es mit Smalltalk, macht Witze. Ich grummele etwas Unverständliches. Mir ist nicht nach einer unbedeutenden Unterhaltung zumute. 

Langsam werden es immer mehr Personen mit den grün-roten Aufklebern. Eine blonde Frau in einer blauen Jacke kommt und hält ein Hinweisschild hoch. Wir sind also die nächsten. Die große Gruppe soll sich in die Schlange vor der Sicherheitskontrolle stellen. Schnell trinkt der Mann aus Schweden seinen Kaffee aus und faltet den Pappbecher zusammen. Nach den Metalldetektoren bekommt jeder ein Gerät mit Kopfhörern ausgehändigt, damit man die Museumsführerin besser verstehen kann.  


Die Gruppe kommt wieder zusammen. Die Frau in einem beigefarbenem Mantel stellt sich als Susanna vor. „Es ist unmöglich über alles zu reden“, sagt sie und betont, dass man unbedingt Fragen stellen solle, wenn sie über etwas nicht sprechen sollte. Sie lotst uns durch das bekannte Tor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“. Selbstverständlich sei hier niemals jemand durch Arbeit freigekommen. Die Führung beginnt mit dem Haus Nr. 4. Hier hängt im Eingangsbereich das Zitat von George Santayana: „Those who do not remember the past are condemned to repeat it.“ Eine andere Gruppe kommt aus dem Gebäude und drückt sich auf der Treppe an uns vorbei. „Das ist der Grund, warum hier heute eine Museum ist“, sagt Susanna und zeigt dabei auf das Zitat. Sie führt die Gruppe von Raum zu Raum und erklärt die Hintergründe und Opferzahlen. „Es gibt immer noch Menschen, die nicht glauben, dass der Holocaust tatsächlich passiert ist“, sagt sie nachdrücklich. Über den Flur folgen wir ihr und laufen nacheinander die ausgetretene Steintreppe in den nächsten Stock, während eine andere Gruppe auf dieser Treppe zurück nach unten geht. Hier sollen keine Fotos gemacht werden. Wir treten in ein dunkles Zimmer. Hinter einer großen Glasscheibe sind Haarbüschel zu einem Berg aufgetürmt, der etwa ein Viertel des Raumes einnimmt. Ein Berg aus menschlichem Haar. In manchen Haarzöpfen sieht man noch Bänder, die die Haarsträhnen zusammenhalten. In einer Ecke liegt eine Rolle Stoff hinter einem Fenster. „Dieser Stoff wurde aus Menschenhaar gemacht“, erklärt Susanna. Nichts durfte verschwendet werden. Inzwischen lacht keiner mehr. Keiner spricht mehr über Belangloses. Die Gesichter sind versteinert. Auch das Gesicht des jungen Mannes aus Singapur. 


Nacheinander laufen die Besucher die Treppe wieder herunter und zurück ins Freie. Susanna erklärt, dass die Juden dachten, sie würden umgesiedelt werden. Man habe ihnen gesagt, dass sie nur wenig mitnehmen dürften. „Dadurch haben die Nazis dafür gesorgt, dass sie nur ihre wertvollsten Gegenstände mitbringen.“ Sie führt die Gruppe zu Block Nr. 5. „Ich denke diese Gegenstände sprechen für sich selbst. Da gibt es nicht viel zu sagen“, warnt Sie uns vor. Nacheinander gehen wir in das Gebäude. In einem Raum lässt ein Berg aus Schuhen die Anzahl der Opfer nur erahnen. Es sind Schuhe von großen Männern, Schuhe mit Absätzen für zierliche Füße und kleine Sandalen, Schuhe mit Riemen kaum größer als eine Hand. Die Folie auf den Fensterscheiben dunkeln die Räume ab und lassen kaum Licht herein. Die Stimmung wird drückend. Ein großer Kloß sitzt im Hals. Hinter anderen Glasscheiben gibt es Berge von Brillen und beschrifteten Koffern. All diese Sachen haben jemandem gehört und die hier ausgestellten Gegenstände sind nur ein Bruchteil der Gegenstände, die die Nazis ihren Gefangenen genommen haben.  

Über die Treppe verlassen wir das Gebäude. Zäh bewegt sich die Gruppe zu Block Nr. 7. Am Rande eines anderes roten Hauses steht eine Frau. Sie telefoniert und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Wir treten in das Gebäude ein, dass sich mit dem Leben der Gefangenen beschäftigt. An den Wänden in dem Flur hängen Fotografien in schwarzen Bilderrahmen. Sie zeigen die Häftlinge in der gestreiften Kleidung. Hunderte von Augenpaaren, die auf die langen Schlangen von Touristen blicken, die an ihnen vorbeiziehen. Unter den Fotografien stehen Informationen wie Name, Herkunft, Beruf, die Häftlingsnummer, warum die Person inhaftiert wurde und wie diese Person gestorben ist. Ein Häftling namens Konstantyn wurde am 27.05.1942 nach etwa einem Monat Haft exekutiert. Diese Methode mit den Fotos, um die Häftlinge wieder zu erkennen, wurde allerdings nicht lange beibehalten, erklärt Susanna. Es sei einfach zu teuer gewesen die Bilder zu machen und zu entwickeln. Außerdem hätten die Gefangenen bereits nach kurzer Zeit in dem Lager nicht mehr so ausgesehen, wie auf dem Foto kurz nach der Ankunft. „Danach hat man den Gefangenen ihre Nummer auf den Unterarm tätowiert“, führt sie aus.


Als nächstes gehen wir in den sogenannten „Block of Death“. Dies sei das Gefängnis der ohnehin schon Gefangen gewesen. „Hier kamen die Häftlinge hin, die sich nicht an die Regeln gehalten haben“, sagt Susanna. Massen an Besuchern schieben sich durch den engen Keller, in dem die Zellen sind, in denen die Gefangenen bestraft wurden. Es bleibt kaum Zeit in die engen Räume zu schauen. Hier unten haben die Nazis die ersten Experimente mit dem Gas gemacht, um herauszufinden, wie viel davon benötigt wird, um zu töten. Beim ersten Mal habe es mehrere Tage gedauert, bis die Häftlinge gestorben sind, erzählt Susanna. Es ist beklemmend. Doch bleibt keine Zeit dies auf sich wirken zu lassen. Die nächste Gruppe kommt bereits die Treppe herunter. Susanna mahnt zur Eile. Dann treten wir raus in den Hof. Hier sollen wir in Gedenken an die Opfer schweigen. Vor dieser Wand wurden tausende Gefangene erschossen. Zwei Frauen kommen uns entgegen. Sie unterhalten sich ausgelassen. Eine ältere Frau tritt vor die Blumen und Kerzen an der Mauer und kniet nieder für ein stilles Gebet.

Dann folgen wir Susanna in die Gaskammer. Zunächst durchqueren wir das Zimmer, in dem sich die Häftlinge entkleiden mussten. Wir betreten den Raum mit den großen Öfen. Hier mussten andere Gefangene in einem Kommando die Leichen verbrennen. Susanna beschreibt diesen Vorgang als „industriell“. Eine Industrie der Menschenentsorgung. Ein Körper nach dem anderen wurde an diesem fürchterlichen Ort verbrannt. Schnell läuft die Gruppe durch das Krematorium. Nur wenige verharren, um sich genauer umzusehen. Als wir zurück ins Freie treten, wartet schon eine Gruppe junger US-Amerikaner vor dem Gebäude. Ich wische mir vorher noch schnell eine Träne aus dem Auge.

Die Führung durch Auschwitz 1 endet kurz darauf. Durch ein Drehkreuz gelangt man auf den Parkplatz. Vorher geben wir die Kopfhörer und Geräte ab. Wieder haben wir etwa eine Viertelstunde Zeit, bis wir zurück an den Bussen sein sollen. Einige eilen auf die Toilette, andere kaufen sich etwas zu essen oder einen Kaffee in einem Pappbecher. Zurück in Ausflugsstimmung in weniger als fünf Minuten. Wer weder hungrig noch durstig ist, geht in den Souvenirsladen. Hier gibt es Bücher, DVD’s und andere Dinge zu kaufen. Ob Touristen hier Postkarten kaufen können, will ich lieber nicht wissen und bleibe draußen. 

Der Student aus Singapur entdeckt mich und gesellt sich zu mir. Er fragt mich etwas über Fotografie und ob ich ihm meine Bilder zeigen könnte. Ich möchte ihn anschreien, dass er mich in Ruhe lassen soll und ich mich jetzt nicht über Fotografie unterhalten möchte. Stattdessen mache ich die Kamera an und klicke durch die Aufnahmen. Schließlich laufen wir gemeinsam zurück zum Wagen. 

Das Pärchen aus Schweden kommt verspätet. Sie haben sich noch etwas zum Essen gekauft. Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir das Lager Auschwitz-Birkenau. Der Parkplatz ist groß. Auf der rechten Seite gibt es ein großes Gebäude mit einer Cafeteria und einem Shop. Neben dem Weg vom Parkplatz zum Konzentrationslager steht eine Gruppe Zeugen Jehovas. Sie bieten Bibeln in unterschiedlichen Sprachen an. 

Ich folge den Massen entlang den Gleisen, die die Nationalsozialisten gebaut hatten, um schneller die Gefangenen in das Lager transportieren zu können. Zigarettenstummel und Müll liegen zwischen den Schwellen. Die große Gruppe findet sich vor dem Eingang zusammen. Wir folgen Susanna durch das Tor und bleiben neben den Bahngleisen stehen, die nahezu bis zum anderen Ende des Lagers reichen. Rechts und links stehen die Baracken in Reihen. Manche sind aus Stein, andere nur aus Holz erbaut. „Hier wurde entschieden, ob die Person als Arbeitskraft gebraucht werden kann oder, ob sie direkt vernichtet wird“, sagt Susanna. Eine Fingerbewegung des Arztes habe für die Selektion zwischen Tod und Weiterleben ausgereicht. 

Wir laufen auf demselben Weg vorbei an den Baracken zu den Überresten der Gaskammern, den Tausende Juden zu ihrer Vernichtung beschreiten mussten. Die grünen Wiesen sind trügerisch. „1944 gab es hier kein grünes Gras. Die Gefangenen liefen oft knietief durch den Schlamm“, erklärt Susanna. Dann stehen wir vor den Bäumen, unter denen sich 1944 Männer und Frauen entkleiden mussten für die angebliche Dusche nach der langen Reise. Es ist schwer zu begreifen. Nur schwer vorstellbar auf demselben Boden zu stehen. 


„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas“, steht auf der deutschen Steintafel an dem Mahnmahl am Ende der Bahngleise. Susanna führt die Gruppe von hier zu den Überresten der Gaskammern und Krematorien. Haben die Nazis wirklich gedacht, dass niemand herausfindet, was hier geschehen ist, wenn sie die Vernichtungsstätten zerstören? Sie erklärt, dass hier etwa 950 Gefangene im Sonderkommando damit beschäftigt waren, die Leichen nach der Vergasung nach Kostbarem zu durchsuchen und anschließend zu verbrennen und zu entsorgen: „Hier wurden im industriellen Maßstab Menschen getötet.“ 


Die Bäume vor dem Krematorium sind die Einzigen auf dem Gelände. „Sie stehen hier mit Absicht, damit man nicht direkt sehen konnte, was hier vor sich geht“, sagt Susanna. Im Anschluss führt sie uns Besucher in die Baracke, die als Toilette für die Gefangenen diente. „Der Gestank muss fürchterlich gewesen sein“, sagt sie. 

Schließlich ist die Führung beendet. Susanna bedankt sich bei uns Besuchern: „Es ist uns sehr wichtig, dass so viele Menschen, wie möglich hier hin kommen, sodass so etwas nie wieder passieren kann.“ Anschließend löst sich die Gruppe schnell auf. Im Augenwinkel sehe ich das schwedische Pärchen vor den Gleisen ein Selfie machen. Sie sind nicht die einzigen. Dann geht es im Auto zurück nach Krakau. Aus dem Radio dröhnen aktuelle Popsongs. 

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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