Prag –  Die goldene Stadt 

5:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Der erste. Ich drehe mich nochmal um, kuschle mich an meinen Hund und warte bis in zehn Minuten der nächste Wecker klingelt. Dann heißt es doch aufstehen. Ich flitze ins Bad und mache mich fertig. Packe die letzten Sachen zusammen. Kontrolliere zum wahrscheinlich 100x Mal, ob ich auch alle wichtigen Sachen eingepackt habe. Interrail-Ticket, Ausweis, Reisepass, Kreditkarten. Alles da! Ich werde noch ein paar Mal nachsehen im Laufe des Tages

Ich hieve mir den 12 Kilo schweren Rucksack auf den Rücken und den kleineren trage ich vorne. So trample ich die Treppen runter zum Auto. Noch eben bei der Bank vorbei. Bargeld abheben. 100 Euro müssten reichen. Später werde ich merken, dass ich doch besser mehr Bares mitgenommen hätte. Wieder zurück ins Auto und zum Arzt. Gestern Nacht hatte ich schreckliche Ohrenschmerzen. Ich will nicht direkt in Prag zum Arzt müssen. Also habe ich meiner Hausärztin noch am Tag zuvor eine Nachricht geschrieben und habe Glück. Sie ist ab sieben Uhr für mich da. Perfekt! Denn um acht Uhr geht schon der erste Zug meiner Interrail-Reise. Ich bin natürlich viel zu früh. Wer braucht für die Bank und etwa drei Kilometer schon eine halbe Stunde? Ich jedenfalls nicht. So habe ich wenigstens noch Zeit beim Bäcker vorbeizugehen. Eine Käselaugenstange später sitze ich im Wartezimmer. Gut sehen die Ohren nicht aus. Aber mit Tropfen und Antibiotika für den Notfall kann ich die Reise dennoch antreten. Nochmal hätte ich meine Osteuropa-Reise mit dem Zug auch nicht absagen wollen. Die hätte nämlich eigentlich schon im September beginnen sollen, doch so ist halt das Leben. Man plant und dann kommt es doch anders.

Mit mehreren Rezepten in der Hand geht es zurück nach Hause. Eine Apotheke hat natürlich noch nicht offen. Dann heißt es verabschieden, den Hund knuddeln und ihm einbläuen, dass er sich in den kommenden drei Wochen unbedingt benehmen muss und nicht wieder etwas Unverdauliches essen soll. Kurz darauf stehe ich auch schon am Bahnhof und warte auf den Zug nach Heidelberg. Im Kopf gehe ich durch, was ich in diesem monströsen Rucksack habe, was eigentlich hätte Zuhause bleiben können. Jetzt ist es zu spät und solange ich keinen Marathon laufen muss, wird es schon klappen, denke ich mir. Schon eine Stunde später werde ich jedes Gramm zu viel verfluchen. In Heidelberg angekommen steht noch die Sache mit der Apotheke an. Nur 10 Minuten soll die Apotheke entfernt sein. Das mache ich doch mit links, denke ich und folge den Anweisungen der GoogleMaps-App. Als Backpacking-Anfänger unterläuft mir jedoch hier schon der erste Fehler. Bisher war ich meistens nur mit dem Rucksack und einem Jutebeutel oder einer Tasche länger unterwegs oder musste ihn nur zum Check-In am Flughafen bringen. Jedenfalls hab ich den großen Trekkingrucksack zuerst aufgezogen und erst danach den kleinen Tagesrucksack vorne. Was ist daran so doof? Die Träger des kleinen Rucksacks rutschen immer wieder von den Schultern. Ich beginne zu schwitzen. Ziehe alle paar Schritte die Schulterriemen zurück auf die Schultern. Laufen. Riemen hochziehen. Laufen. Riemen hochziehen. Laufen. Und die Träger hängen schon wieder in den Ellenbogen. In der einen Hand das Smartphone. Ich könnte mich jetzt eigentlich auch schon für ein Päuschen hinsetzen. Das kann ja großartig werden! Ganz so schnell wird aber natürlich nicht der Kopf in den Sand gesteckt. Ich kaufe die Medikamente und mache mich auf den Weg zurück zum Bahnhof.

Vor dem McDonalds geselle ich mich zu den vielen anderen Wartenden. Ein Flixbus nach dem nächsten rollt an. Mal wieder bin ich viel zu früh und ich dachte sogar noch, dass es zeitlich knapp werden könnte mit dem Gang zu Apotheke. Man soll ja auch über sich selbst lachen können. Der IC Bus rollt schließlich an und nachdem mein Rucksack-Monster verstaut ist, mache ich es mir gemütlich und freue mich über das schnelle Internet im Bus.

In Nürnberg hält der Bus planmäßig. Ein paar Fahrgäste steigen aus. Ich will die Gelegenheit für eine Zigarette nutzen und steige ebenfalls aus. Gerade halte ich noch das Feuerzeug an den ungesunden Glimmstängel, da schließen sich auch schon die Türen. Ernsthaft? Panisch renne ich zu der Fahrertür. Der Busfahrer schaut mich verständnislos an. Ich klopfe. Und mache mit den Armen eine „Häh?“-Bewegung. Dann macht er endlich auf. Atemlos frage ich, ob wir denn schon weiterfahren würden. Nein, in 10 Minuten. Ich beruhige mich und verwerfe die Gedanken von meinem weiterreisenden Gepäck und mir gestrandet in Nürnberg. Eine andere junge Frau aus dem Bus – etwa in meinem Alter – raucht auch noch. Sie fragt mich, wie viel Zeit wir noch haben. So kommen wir ins Gespräch. Sie macht ein Auslandssemester in Prag. Super, so habe ich direkt jemanden, der mir den öffentlichen Nahverkehr erklären kann. Sie wohnt sogar auch in dem Distrikt Prag 2, sodass ich mir keine Sorgen mehr darüber mache, wie ich zu meinem Bett finde.

Zurück im Bus setzt sich ein Mann neben mich. Er entschuldigt sich. Ich frage mich noch wofür, bis er schließlich einschläft. Während ich Dank dem Bahn Entertainment den Film „In den Schuhen meiner Schwester“ schaue, schnarcht er neben mir vor sich hin. Nach einiger Zeit wird er wach und fängt an zu reden – auf Englisch. Ich scheine jegliche Vokabel vergessen zu haben und stammle vor mich hin, um ihm zu antworten. Er redet immer weiter und letztlich nehme ich die Kopfhörer raus und verabschiede mich von Cameron Díaz. Er wohnt in Alabama, USA, kommt allerdings aus Arabien. Nach und nach wird mein Englisch wieder flüssiger und wir unterhalten uns über das Leben, Politik, Träume und wie wir sie erreichen. So vergehen die letzten zwei Stunden bis nach Prag wir im Flug. Und plötzlich fahren wir schon am tanzenden Haus vorbei und sind da.

Die Studentin und ihre Mitbewohnerin erklären mir, wo ich das Ticket für die Straßenbahn kaufen kann und ich stelle mich an das Ende der Schlange vor dem Schalter. Das Ticket ist gekauft und die beiden kommen gerade aus einem Buchgeschäft raus, als eine Durchsage kommt „This is a fire alarm“. Die Lichter im Bahnhof gehen aus. Alle strömen zum Ausgang. Wir folgen den Leuten und stehen draußen im Regen. Während wir schon überlegen, wie wir jetzt nach Prag 2 kommen, wird der Alarm allerdings auch schon aufgehoben und wir können zur U-Bahn gehen.


Dank GoogleMaps finde ich auch schließlich das Hostel, nachdem ich vorher blind daran vorbeigelaufen war. Einchecken, das Monster auf dem Rücken in den vierten Stock hochtragen, ankommen. Die beiden deutschen Studentinnen haben mir während der Fahrt zum Hostel angeboten, mit ihnen Essen zu gehen. Da sage ich natürlich nicht nein. Sie holen mich an der Haltestelle ab und wir spazieren zu dem Restaurant. Schon die dunklen Gassen lassen erahnen, wie schön diese Stadt ist.

Am nächsten Morgen laufe ich nach dem Frühstück im Hostel zunächst einfach drauf los. Der Himmel ist zwar grau, doch immerhin bleibt es trocken. Allerdings ist es wirklich kalt. So marschiere ich also durch die Gegend und komme schließlich zu einem großen Platz. Mein Blick schweift über das bunte Treiben und plötzlich blicke ich in ein silbernes Gesicht, zucke zusammen und springe ein Stück zu Seite. Der Mann, verkleidet als silberne Statur lacht amüsiert über mich. Ich blicke peinlich berührt weg. Hat mich jemand gesehen? Touristen tummeln sich hier, neben Musikern und Kutschen.


Am anderen Ende des Platzes sehe ich eine Menschentraube und die typischen Free Walking Tour Regenschirme. Spontan entschließe ich mich an der Führung teilzunehmen. Tour Guide Filip stellt sich vor. Er gestikuliert wild und während er spricht bewegt sich nicht nur sein Mund, sondern sein ganzes Gesicht. Leidenschaft pur.

In einer großen Gruppe laufen wir zu der Prager Rathausuhr. Die wird auch Aposteluhr oder Altstädter Astronomische Uhr genannt und stammt aus dem Jahr 1410. Zäh bewegt sich die Gruppe von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Wir halten am Theater, der Universität und Filip berichtet leidenschaftlich von der Geschichte der Stadt und erzählt kleine Anekdoten.

Nach etwa 1,5 Stunden machen wir eine Pause. Bei Apfelstrudel und Cappuccino wird mir langsam wieder warm. Deswegen macht man einen Städtetrip besser im Frühling oder im Herbst. Während man läuft, ist die Kälte eigentlich erträglich. Doch während Filip ausschweifend redet und man sich die Beine in den Bauch steht, wird es doch unangenehm.
Während der Tour lerne ich Eugene aus California kennen. Wir stehen etwas abseits der Gruppe und rauchen eine Zigarette. Gerade als Eugene seine den Stängel auf den Boden wirft, erklärt Filip, dass dies in Prag verboten sei und man sich hierbei nicht von der Polizei erwischen lassen sollte. Eugene sucht peinlich berührt den Rest seiner Zigarette auf dem Boden und hebt sie auf. So kommen wir ins Gespräch. Die Gruppe zieht weiter durch das jüdische Viertel Josefov. Der Stadtteil liegt in der Prager Altstadt.


Nach dem Ende der Free Walking Tour verbringe ich den restlichen Tag mit Eugene. Gemeinsam laufen wir den Berg hoch zu der Prager Burg. Etwas aus der Puste erreichen wir die Sicherheitskontrolle. Wir genießen die Aussicht über die Stadt und versuchen neben den vielen anderen Touristen einen freien Platz für ein Foto zu finden. Im Anschluss laufen wir durch die Anlage und gehen schließlich in den Veitsdom. Hier wurden die böhmischen Könige gekrönt. Der Dom ist das größte Kirchengebäude der tschechischen Republik und die Architektur und die Fenster sind wirklich wunderschön. 

 Im Anschluss laufen wir den Berg wieder zurück und spazieren durch die kleinen Gassen. Wir erreichen die John Lennon Wall. Der Musiker selbst war übrigens nicht in Prag, doch wurde er während des Kommunismus ein Held für viele junge Tschechen, die seine verbotene Musik dennoch hörten. Nach seinem Tod 1980 malte jemand sein Porträt sowie einige Zitate auf diese Wand und mit der Zeit kamen weitere Sprüche und Kritzeleien hinzu. Ein Mann spielt vor der Mauer auf einer Girtarre den Song „Imagine“ von John Lennon.  „Imagine all the People sharing all the World“, sing er während die Touristen Schlange stehen, um Fotos vor der bunten Mauer zu machen.


Über die Karlsbrücke laufen  wir zurück auf die andere Flussseite der Stadt. Das Tanzende Haus möchte ich unbedingt noch sehen. Gesagt – getan.   Während es schon langsam dämmert gehen wir die Moldau entlang und erreichen schließlich das besondere Gebäude. Das Bürogebäude wurde von Vlado Milunic und Frank Gehry entworfen. Das Bauwerk soll einen rationalen Dialog zwischen dem totalitären, statisch vertikalen Konzept und einem dynamischen, im gesellschaftlichen Umbruch begriffenen Konzept symbolisieren. 


Langsam knurrt mir der Magen. Der Apfelstrudel ist nun wirklich schon einige Stunden her. Um nicht in einem überteuerten Restaurant zu enden, entscheiden wir, dass es besser ist in Prag 2 nach etwas zum Essen zu suchen. Fast eine Stunde laufen wir von Restaurant zu Restaurant. Vegetarisches Essen zu finden gestaltet sich etwas schwierig, wenn man sich nicht auskennt. Bier soll es auch geben. Und am Besten mit englischer Speisekarte. Letztlich finden wir in Prag 3 „Beergeek“ und sind zufrieden. In gemütlicher Atmosphäre können wir von über 20 Fassbieren wählen und gutes Essen für einen fairen Preis gibt es auch. 

Am Ende des Tages verabschieden wir uns und ich finde kurz darauf schon deutlich besser mein Hostel, als noch am Tag zuvor. Ein paar neue Mitbewohner sind inzwischen in dem Zimmer. Der US-Amerikaner verschwindet allerdings direkt in seinem Bett und schnarcht bald friedlich vor sich hin. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit einem jungen deutschen Mann, der als Digitale Nomade dort arbeitet, wo er möchte. Solche Städtetrips macht er eigentlich nicht. Viel zu anstrengend. Es sei besser für eine längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Da kann ich ihm nur zustimmen und gehe im Kopf die kommenden Wochen durch und wie wenig Zeit ich in den jeweiligen Städten nur haben werde. Urlaub mal anders. 

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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