Gesundheit – Zwischen Statussymbol und Ersatzreligion

Die dicke Rolex am Handgelenk und der teure Schlitten in der Garage wurden als Statussymbole abgelöst. Heute investiert man sein Geld vielmehr in teure Yogamatten, grüne Säfte, exotische Früchte, die neuesten Laufschuhe und radelt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Gesundheit und ein schöner Körper sind die Statussymbole der aktuellen Stunde. Und bei so manchen grenzt es sogar an eine Ersatzreligion.

In einer Welt, die vom Überfluss geprägt ist und in der Fastfood und Kalorienbomben uns täglich Disziplin abverlangen, ist der Erhalt der Gesundheit ein Megatrend, der beginnt Wirtschaft, Verbraucher und Gesellschaft zu verändern. Gesundheit wird aktuell nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit und Selbstverständlichkeit verstanden. Prophylaxe steht gegenüber Rehabilitation im Fokus, weshalb jeder Einzelne tagtäglich für seine Gesundheit Sorge zu tragen hat. Der neue Gesundheitsbegriff setzt Selbstverantwortung für Körper, Geist und Seele in den Vordergrund. Statt alle paar Monate dem Körper etwas Wellness zu gönnen, geht es nun vielmehr darum, den gesamten Lebensstil zu verändern sowie aktiver, nachhaltiger und gesünder zu gestalten.

Das neue Körperbewusstsein birgt nicht lediglich Gesundheit und Wohlbefinden, sondern auch Sport und Fitness. Der Körper wird schließlich zu einem Kultobjekt und einem Spiegel der Gesellschaft. In Anlehnung an die anhaltende Work-Life-Balance-Diskussion wird deutlich, dass Sport und Freizeitaktivitäten mehr sind als der Gegenpart zur Arbeit. Doch in der schwarzen Jogginghose und einem alten schlabbrigen T-Shirt traut sich fast niemand mehr in den Fitness-Club, denn selbst beim Schwitzen hat man gut auszusehen.

Der Umgang mit dem eigenen Körper bestimmt die Zugehörigkeit zu einem speziellen Lebensstil. Inszenierungsfläche hierfür bieten Soziale Netzwerke zur genüge. Massenweise Fotos rund um Ernährung, Sport und Gesundheit, die auf Instagram veröffentlicht werden, sind der Beweis. Sagenhafte 227.207.247 Beiträge findet man allein zu dem Hashtag „Fitness“. Bei „Books“ sind es demgegenüber nur 24.731.839. Fitness liegt also deutlich mehr im Trend als Lesen. In unserer Leistungsgesellschaft geht es nicht mehr nur darum, was wir besitzen, sondern darum, wie wir unsere kostbare Zeit verbringen. Die Momentaufnahmen unserer Freizeitaktivitäten werden dann in Sozialen Netzwerken präsentiert und erwarten dort ihre Anerkennung. Nicht wirklich verwunderlich ist, dass Personen, die ständig mit ihrer Fitness prahlen, also Schnappschüsse beim Pumpen posten, stark narzisstisch sind. Dies belegt eine Studie von Forschern der Brunel University in London.

Verantwortung für seinen eigenen Körper und Gesundheit zu übernehmen ist zu einer Lebensaufgabe geworden, die an eine Ersatzreligion erinnert. Religionen geben tiefere Bedeutung, stellen Gebote und Verbote auf und verheißen ein gewisses Heil. Ähnlich verhält es sich mit Diäten, Trends wie Detox und dem Fitness-Healthy-Lifestyle. Sie verkünden Verheißungen wie „Hiermit wirst du gesund und schlank“ und stellen Regeln auf wie „Du sollst dreimal die Woche Sport treiben und auf Kohlenhydrate verzichten“. Was man früher für seinen Glauben tat, also fasten, wallfahren und die Regeln befolgen,  tut man heute für die Gesundheit. Doch während Satire bei Religionen alles darf, hört bei Gesundheit der Spaß auf. Wer sich weigert stets ausgeglichen und gut gelaunt zu sein, immer in Bestform und belastbar zu sein, der zieht als Ketzer die Wut anderer auf sich. Die Sehnsucht nach Sakralem und Spirituellen mit der Gesundheit zu befriedigen, verändert unser Menschenbild. Denn wenn die Gesundheit das höchste Gut darstellt und der gesunde Mensch zur Normalität wird, was ist dann mit Kranken und Behinderten? Sind sie dann Menschen zweiter Klasse?

Bei so manchen Mitmenschen fällt auf, dass ihr Wunsch nach Gesundheit krankhaft ist. Wenn die Gedanken nur noch um gesunde Ernährung kreisen, kann dies krankmachen. Betroffene magern ab, weil sie nur wenige Lebensmittel zu sich nehmen wollen. Sie ziehen sich zurück und lehnen Einladungen ab, weil ihre Freunde sich nicht an den strengen Ernährungsplan halten. Wenn ihr Verhalten zwanghaft wird, reden Psychologen von Orthorexie. Die Betroffenen verknüpfen ihr Körpergewicht mit Körpergefühl und haben Angst die Kontrolle zu verlieren.

Mit seinem Körper wertschätzend umzugehen, ist nichts Schlechtes. Wir sind frei in unseren Entscheidungen. Man kann freiwillig auf einen Hamburger verzichten oder ihn eben essen. Andere trinken sich am Wochenende ins Nirvana oder belasten ihren Körper mit anderen Drogen. Wir wollen selbstbestimmt leben und lassen uns gleichzeitig von der Gesellschaft Ge- und Verbote diktieren, um in der Welt der Gesundheitsreligion mitzuspielen. Die Frage ist hierbei, ob wir einfach einem Trend hinterherlaufen, den die Werbefirmen auch noch geschickt vermarkten, oder ob wir wirklich großen Spaß an vielen Stunden im Fitnessstudio und Shakes aus Spinat haben. Letztlich sollte jeder mit sich so zufrieden sein dürfen, wie er ist.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

Ein Kommentar zu „Gesundheit – Zwischen Statussymbol und Ersatzreligion

  1. Ich habe deinen Post schon gestern Nacht entdeckt – und heute folgt meim Kommentar. Ich finde, du hast Recht, wir reden wirklich von Gesundheitsreligion.
    Es ist auh furchtbar zu sehen, untern welchem Druck Jugendliche leiden, weochen hirnrissigen Ieealvoratellungen sie folgen. Und teilweisenwollen das viele Erwachsene auch noch.
    Ich bin schwerst schokosüchtig und ich liebe Rotwein. Außerdem mag ich gutes Essen und das ist meist weniger gesund. Aber ich versuche 2 bis 3 x die Woche zum Yoga zu gehen, weil ich es zum Abschalten brauche. Und dann versuhenich laufen zu gehen, sofern Verkühlungen mich nicht belasten.
    Und immer wieder sagen Leute, ich mache zu vielmoder zu wenig für mich. Ich lebe falsch oder folge einer zu verqueren Lebensphilosophie.
    Was ist aus unserer Toleranz gegenüber anderen Leuten geworden? Irgendwas läuft da ganz schön falsch. Und deswegen ist so ein Beitrag wie deiner wichtig. Wir sollten echt mehr nachdenken und ums fragen, was wir wofür und warum tun.

    Liebe Grüße
    Astrid

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