Ich bereue nichts!

Mit einem Klick sendete ich die Nachricht ab. Scheiße! Zitternd hielt ich mein Smartphone in den Händen. Jetzt habe ich alles versaut. Gerade eben war ich noch schrecklich wütend auf ihn. Jetzt hatte ich Angst ihn für immer zu verlieren. Im Geiste sah ich die Nachricht von meinem Handy wegfliegen. Keine Chance sie einzufangen. Ich war zu weit gegangen. Meine Enttäuschung und Wut hat mich einfach überrannt. Und meine tippenden Finger waren weit über das Ziel hinausgeschossen. Das war’s. 

Wir verlieben uns. Zur falschen Zeit. In die falsche Person. Am falschen Ort. Wir verlieren uns im Verliebtsein. Denken diese Person könnte es sein. Öffnen unsere Seele und verschenken unser Herz. Unser tiefstes Vertrauen. Und dann wird man verletzt. So tief, dass man denkt, in tausende Teile zersprungen zu sein. Verloren in einem Loch aus Enttäuschung versucht man seine Einzelteile wieder zusammenzufinden.

Lieben ist schwer. Es macht Angst. Und kostet Mut. Lieben macht verletzlich. Es tut weh. Und Lieben lässt einen schweben. Auf den höchsten Wolken und hinweg über die größten Sorgen. Alles erscheint leichter, wenn man liebt und geliebt wird.

Nach einer schlimmen Trennung bereuen wir sie manchmal – die Liebe. Wir bereuen  uns auf diese andere Person eingelassen zu haben. Bereuen die vertane Zeit. Oder wir bereuen, wie wir uns verhalten haben und die Fehler, die wir gemacht haben. Es war die falsche Zeit. Man war einfach noch nicht bereit. Er/ Sie war noch nicht bereit. In einem anderen Leben hätten wir zusammen glücklich werden können. Es war die falsche Person. Funktionieren konnte es mit uns nicht. Wir waren zu verschieden. Er/ Sie konnte mir nicht geben, was ich brauchte.

Und dann wenn es richtig weh tut – dann bereuen wir es. Könnten wir doch die Zeit zurückdrehen und uns den Schmerz ersparen.

Eine Träne nach der anderen läuft über meine Wangen. Ich habe es aufgegeben sie wegzuwischen. Zusammengerollt liege ich im Bett. Mit der Bettdecke versuche ich mich vor der Außenwelt zu verstecken. Jetzt – in diesem Moment fühlt es sich so an, als würde die Welt untergehen. Langsam schlummere ich weg. Im traumlosen Schlaf konnte ich ganz vergessen was passiert ist. Mit dem Aufwachen trifft mich die Realität wie ein Schlag ins Gesicht. Das war’s. 

Wir machen Fehler beim Kennenlernen, während Dates und in Beziehungen. Doch gibt es wirklich Fehler in der Liebe? Jede Beziehung und jede Begegnung macht uns schließlich zu der Person, die wir jeden Tag im Spiegel sehen. Mit jeder neuen Person auf die wir uns einlassen lernen wir. Wir lernen wer wir sind. Was wir brauchen. Was uns wichtig ist. Und wo wir an uns selbst arbeiten müssen.

„Er war einfach nicht der Richtige für mich“, spreche ich in mein Smartphone. „Wäre er wirklich der Richtige gewesen, hätte es schließlich funktioniert. Es hat gerade schlichtweg nicht zwischen uns gepasst. Vielleicht in einem anderen Leben.“ Langsam geht es mir besser. Ich versuche die Situation zu akzeptieren und nicht zur verrückten Exfreundin zu mutieren, die ihn in den Sozialen Netzwerken stalkt. Ich vermisse ihn. Schrecklich. Mit jeder Faser meines Körpers. Doch dieses letzte Stück der vielen Einzelteile – dieses letzte Stück Selbstachtung in mir, will ich unbedingt erhalten. So schwach wollte ich nie wieder sein. Das hatte ich mir beim letzten Mal geschworen. 

Wir lernen, dass dieser abgedroschene Spruch unserer Mütter „Die Zeit heilt alle Wunden“, wirklich wahr ist. Der Schmerz lässt uns wachsen und zeigt, wie stark wir sind. Wir verlieren unsere Naivität und wissen von Mal zu Mal die Liebe mehr zu schätzen. Unsere Erfahrungen machen uns vorsichtiger. Das Verlieben dauert länger. Doch ohne den Schmerz würden wir gar nicht wissen, wie schön Lieben ist und vor allem wann sie wahr ist.

Lächelnd streiche ich mir die Strähne aus dem Gesicht und nippe an meinen Gin Tonic. Ich habe wieder Dates. Schließlich ist Ablenkung doch immer die beste Medizin. Man ist jung und will auch seinen Spaß haben. Das Date macht Spaß. Wir genießen das frühlingshafte Wetter mit den warmen Sonnenstrahlen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Ich mag ihn und fühle mich lebendig. Beim Verabschieden versucht er mich zu küssen. Ich drehe mein Gesicht weg und umarme ihn leicht und laufe zügig zum Zug. Einen anderen Mann küssen? Während der Heimfahrt versuche ich nicht in aller Öffentlichkeit zu weinen. Ich drehe meinen Oberkörper zum Fenster und wische heimlich eine Träne weg. Ich bin einfach noch nicht so weit. 

Es ist einfach zu sagen, dass er/ sie nicht der/die Richtige für einen war. Es ist einfach, weil man dann seine eigenen Handlungen nicht hinterfragen muss. Sich selbst einen Fehler einzugestehen, der die gemeinsame Chance womöglich zerstört hat, ist dagegen schwer. Und tut weh.

Doch gibt es nichts zu bereuen. Wir können keinem Leben hinterher trauern, dass nicht mehr da ist. Unser Leben kann nicht daraus bestehen die vielen kleinen und großen Dinge, die wir tagtäglich machen, die Entscheidungen, die wir treffen, zu bereuen. Wir können nur lernen. Daran wachsen. Und dankbar sein. Dankbar für die schönen Momente, die wir mit dieser Person geteilt haben. Mit einer Trennung wird schließlich nicht eine ganze Beziehung schlecht. Wir waren mutig. Haben geliebt. Und wurden geliebt. Jede Begegnung – auch der betrunkene One-Night-Stand – formt uns.

Manche Wunden hinterlassen Narben, die auch die Zeit nicht heilt. Und manchmal verrennt man sich in dem Gedanken, dass man eine andere Person bräuchte, um all die zerbrochenen Einzelteile seiner Selbst zusammenzufügen. Doch lernen wir eben auch, wie stark wir alleine sein können. Machen nach einer Trennung Dinge alleine, die wir uns vorher nie zugetraut hätten und werden zu einem besseren Selbst. Wir akzeptieren unsere Narben und akzeptieren, dass wir nicht perfekt sind. Nehmen unsere Ängste und Zweifel aus früheren Erfahrungen an. Sie sind ein Teil von uns. Wir lernen diese Schwäche zu zeigen und werden dadurch nur stärker.

Hin und wieder denke ich noch an ihn. An Gespräche, die wir geführt haben. An Momente, die wir geteilt haben. Die Tränen hörten schließlich auf. Es war ok zu trauern und zu vermissen. Er hat mir einmal viel bedeutet und wird mir immer etwas bedeuten. Ich fühle mich nicht mehr in tausende Teile zersplittert. Vielmehr ist ein weiteres Teil dazugekommen. 

Wir machen Fehler. Auch in der Liebe. Doch kann Lieben niemals falsch sein. Und es gibt nichts zu bereuen.

 

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

2 Kommentare zu „Ich bereue nichts!

  1. So ein schöner Text! Man merkt, dass er von Herzen kommt. Ich denke viele haben ähnliche Situationen erlebt und du hast die Zeit nach einer Trennung so perfekt in deinem Post auf den Punkt gebracht! 🙂 Liebe Grüße ♥

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