Was ist Intersektionalität?

„Bin ich etwa keine Frau?“, fragte Sklavin Sojourner Truth 1851 auf der Frauenrechtskonferenz in Akron, Ohio.(1) „Als Sojourner Truth sich erhob, um zu sprechen, wollten viele weiße Frauen ihr das Wort entziehen“(2) – sie hatten Sorge die Aufmerksamkeit vom Frauenwahlrecht an eine Rede über Sklaverei zu verlieren. Truth formulierte jedoch eine Frage, die die Geschlechterforschung nachhaltig veränderte und Anstoß dafür gab, Schwarze Frauen miteinzubeziehen und somit die Multidimensionalität ihrer Erfahrungen.

Dem steht entgegen, dass über einen langen Zeitraum Feministinnen in dominanten Kontexten nur Gender als Hauptdiskriminierungspunkt ausmachten.(3) „Wählt man [allerdings] Schwarze Frauen als Ausgangspunkt, wird deutlich, wie die vorherrschenden Auffassungen über Diskriminierung uns darauf konditionieren, Subordination als eine Benachteiligung zu betrachten, die nur entlang einer einzelnen kategorialen Achse erfolgt.“(4) Die Trias race, class und gender als voneinander getrennte Kategorien zu betrachten, führt zu einer Marginalisierung von denjenigen, die in mehrerer Hinsicht diskriminiert werden. Jedoch kann die Problemlösung nicht darin liegen, diese in eine bereits bestehende analytische Struktur einzubeziehen.(5) Der Streif am Horizont scheint das Forschungsfeld der Intersektionalität zu sein.

Der Begriff der Intersektionalität ist gleichwohl umstritten und „noch in Arbeit“. Katharina Walgenbach bietet folgende Definition an:

„Unter Intersektionalität wird dabei verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen“(6)

Die Ursprünge der Intersektionalität liegen im Black Feminism und der Critical Race Theory.(7) So finden sich die Ursprünge dessen, was heute als Intersektionalität bezeichnet wird, unter anderem bei Davis, Hooks, Mohanty und Crenshaw – Pionierinnen des Schwarzen Feminismus.(8) Mittlerweile hält Intersektionalität Einzug in die Gender Studies und wurde für unterschiedliche Analysegegenstände produktiv gemacht.

Die Geschlechterforschung kann in Deutschland bereits auf eine mehr als 30-jährige Geschichte zurückblicken, befindet sich jedoch aktuell in der Krise: „Sie ist [zwar] auf dem Weg, sich als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Gleichzeitig nehmen aber auch die Nachfragen an die Kategorie Geschlecht selbst zu.“(10) Die Lösungsversuche nutzen das Know-How der Geschlechterforschung für einen Perspektivwechsel und fragen nach Differenzen zwischen den ungleichheitsgenerierenden Kategorien.(11) „In diesem Kontext wird seit einiger Zeit auch über Intersektionalität als Forschungsperspektive diskutiert.“(12) Denn während die Erforschung der Geschlechterdifferenzierung abnimmt, scheint die Diskussion über Intersektionalität im Kontext der Debatte über eine Weiterentwicklung der Geschlechter- zur Differenzierungsforschung geradezu zu explodieren.(13)

Intersektionalität wird zunehmend in Debatten über Bürgerrechte verwendet, um Gleichberechtigung einzufordern, taucht jedoch auch immer häufiger in akademischen Debatten auf.(14) So ist die Intersektionalität auch international auf dem Vormarsch in theoretische, politische und praktische Gebiete wie Cultural Studies oder Menschenrechtsdiskursen der United Nations.(15)

Leslie McCall lobt Intersektionalität als den wichtigsten Beitrag, den die Frauenforschung bislang geleistet hat.(16) Dem steht allerdings entgegen, dass der Intersektionalitätsansatz zu vielen theoretischen Debatten führte und aktuell führt: Es wird darüber gestritten, ob Intersektionalität als eine Theorie, ein Ansatz, ein Paradigma oder ein heuristisches Instrument angesehen werden soll. Andere plädieren für eine Interpretationsstrategie feministischer Analysen. Außerdem wird über das grundlegende Verständnis des Begriffes diskutiert und zwischen Straßenkreuzung(17), Differenz-Achsen(18) und einem dynamischen Prozess(19) gestritten.(20) „Zudem ist es alles andere als klar, ob Intersektionalität auf die Interpretation individueller Erfahrungen beschränkt bleiben sollte, ob der Ansatz zur Theoriebildung über Identität dienen soll – oder ob Intersektionalität als Merkmal sozialer Strukturen und kultureller Diskurse aufgefasst werden sollte.“(21)

Intersektionalität als Straßenkreuzung 

„Kimberlé Crenshaw führte 1989 den Begriff Intersectionality ein, mit dem sie auf die marginalisierten Erfahrungen schwarzer Frauen im Antidiskriminierungsrecht, feministischer Theorie und antirassistischer Politik aufmerksam machte.“(73) Sie definiert Intersektionalität als die Multidimensionalität der gelebten Erfahrungen marginalisierter Subjekte.(76) Um diese Multidimensionalität zu veranschaulichen, verwendet Crenshaw die Metapher einer Straßenkreuzung:

„Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar vom Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze Frau, die an einer „Kreuzung“ verletzt wird; die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.“(77)

Folglich lassen sich nach Crenshaw manche Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Frauen weder durch gender noch durch race allein erklären, sondern nur durch den Fokus auf deren Überkreuzung.(78) Crenshaws Argument lautet, dass Schwarze Frauen Diskriminierung erfahren, welche zwar der Diskriminierung von weißen Frauen und schwarzen Männern ähnelt, jedoch auch Unterschiede hierzu aufweist bzw. eine doppelte Diskriminierung darstellt.(79)

Interdependente Kategorien

Walgenbach schlägt dagegen gemeinsam mit Dietze den Begriff interdependente Kategorien vor. Dieser Ansatz gehe nicht allein von Interdependenzen bzw. wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Kategorien aus, sondern sehe gleichzeitig soziale Kategorien als in sich heterogen strukturiert konzeptualisiert.(86) Die komplexen Beziehungen von Dominanzverhältnissen stünden daher im Vordergrund.(87) Mit anderen Worten: Es soll primär um die Analyse von sozialen Kategorien und weniger um die Positionierung von Subjekten gehen.(88)

Dabei gehen Walgenbach und Dietze nicht von Interdependenzen zwischen Kategorien aus, sondern von inderpendenten Kategorien aus:

„Das heißt, es wird nicht mehr allein von Interdependenzen bzw. wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Kategorien bzw. Machtverhältnissen ausgegangen, sondern soziale Kategorien werden zugleich als in sich heterogen strukturiert konzeptualisiert.“ (89)

Intersektionalität als Analysestrategie

„Oft wird an dem Konzept Intersektionalität kritisiert, dass unklar bleibt, was sich jeweils kreuzt: Identitäten, Erfahrungen, Herrschaftsverhältnisse oder Kategorien?“(93) Die Debatte über Intersektionalität betrifft damit auch die Auswahl und Gewichtung von Kategorien und daher die Art und Weise der Analysemöglichkeiten von Ungleichbehandlungen. „Die Analyse von Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnissen lässt sich allerdings nicht auf die isolierte Untersuchung von Kategorien wie etwa Geschlecht, Klasse oder Rasse reduzieren.“(94) In Europa werden zwar bereits ergänzende Kategorien wie Alter oder Sexualität als relevant diskutiert, jedoch „werden selbst solche erweiterten Aufzählungen oft durch ein hilflos wirkendes etc. beendet“.(95) Gabriele Winker macht das Problem deutlich:

„Was also fehlt, ist eine Theorie der Unterscheidung: Wann sind welche Differenzkategorien relevant. Das Konzept der Intersektionalität liefert keine theoretische Begründung, warum gerade die Faktoren Rasse, Klasse und Geschlecht die zentralen Linien der Differenz markieren. […] Ebenso ist offen, wie eine Vielzahl von Faktoren überhaupt adäquat berücksichtigt werden kann.“(96)

„Für die Intersektionalitätsforschung lässt sich daher als bedeutsame Herausforderung die konzeptionell und empirisch zu verfeinernde Bestimmung der Relevanz sozialer Kategorien nennen.“(97)

Wie gestaltet sich die Diskussion um Intersektionalität?

Die ausgeprägte Debatte über Intersektionalität ist das Resultat seiner Unbestimmtheit. So kann definitiv nicht von einem einheitlichen, konsistenten Theoriegebäude der Intersektionalität gesprochen werden.

Besonders auffällig an den geschilderten Argumentationen ist, dass sie sich zwar in vielen Punkten widersprechen, sich allerdings darin einig scheinen, dass der Intersektionalitätsansatz einen Fortschritt und gleichzeitig eine Herausforderung bedeute, die nur durch eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Wissenschaft, aber auch mit GeneralistInnen, bestanden werden kann. So kann zumindest davon gesprochen werden, dass einige Forschungsansätze über Intersektionalität bestehen, auch wenn diese noch in mehr oder weniger Meinungen miteinander konkurrieren.

Die Intersektionalitätsdebatte innerhalb der Geschlechterforschung steckt noch in den Anfängen und streitet über Grundlagenbegriffe und -kategorien, auch wenn sich bereits ein paar Regulative gebildet haben. Dennoch schafft die Debatte vor allem eines: Aufmerksamkeit für Diskriminierung! 


Dieser Blogpost beinhaltet Auszüge aus einer Seminararbeit. Diese entstand 2016 im Seminar „Geschlecht & Politik – Feministische Theorien in peripheren Verhältnissen“ mit dem Titel „Wie gestalten sich innerhalb der Geschlechterforschung die Diskussionen um den Intersektionalitätsansatz?“

Verweise:

(1) vgl. Crenshaw, Intersektion 2013, S. 44.

(2) Crenshaw, Intersektion 2013, S. 44.

(3) vgl. Prasad, UN-Fachausschüsse 2015, S. 129.

(4) Crenshaw, Intersektion 2013, S. 35.

(5) vgl. Crenshaw, Intersektion 2013, S. 36.

(6) Walgenbach, Analyseperspektive 2012, S. 81.

(7) vgl. Walgenbach, Einführung 2012.

(8) vgl. Prasad, UN-Fachausschüsse 2015, S. 129.

(9) vgl. Walgenbach, Einführung 2012.

(10) Bührmann, Paradigma 2009, S. 29.

(11) vgl. Bührmann, Paradigma 2009, S. 29.

(12) Bührmann, Paradigma 2009, S. 29.

(13) vgl. Bührmann, Paradigma 2009, S. 30.

(14) vgl. Bührmann, Paradigma 2009, S. 30.

(15) vgl. Walgenbach, Einführung 2012.

(16) vgl. McCall, Intersectionality 2005, S. 1771.

(17) vgl. Crenshaw, Margins 1991.

(18) vgl. Yuval-Davis, Feminist 2006.

(19) vgl. Staunaes, Subjects 2003.

(20) vgl. K. Davis, Buzzword 2013, S. 59.

(21) K. Davis, Buzzword 2013, S. 59.

(73) Walgenbach, Postcriptum 2013, S. 267.

(76) vgl. Crenshaw, Demarginalizing 1989, S. 139.

(77) Crenshaw, Intersektion 2013, S. 40.

(78) Walgenbach, Postscriptum 2013, S. 268.

(79) vgl. Crenshaw, Intersektion 2013, S. 41.

(86) vgl. Walgenbach, Postscriptum 2013, S. 269.

(87) vgl. Walgenbach, Einführung 2012, S. 19.

(88) vgl. Walgenbach, Gender 2007, S. 62.

(93) Walgenbach, Einführung 2012, S. 24.

(94) Winker, Intersektionalität 2009.

(95) Walgenbach, Einführung 2012, S. 21 f.

(96) Winker, Intersektionalität 2009.

(97) Bendl/ Eberherr, Organisationsforschung 2015, S. 42.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

Ein Kommentar zu „Was ist Intersektionalität?

  1. Das Problem dieser Theorie bzw ihrer Anwendung sind aus meiner Sicht die sehr starren Kategorien. Das führt zu einer Einteilung in eine „gute“ Gruppe (die nicht privilegierten) und eine „schlechte“ Gruppe (die Nichtprivilegierten).
    In diesem Denken braucht man dann nicht mehr nach Gründen für eine Ungleichheit zu suchen, man kennt sie immer schon: es sind zB rassistische oder sexistische etc Strukturen.

    Es lässt auch keine Differenzierung zu: beispielsweise könnte man auch anführen, das Frauen bestimmte Privilegien haben, etwa in Bezug auf die Chance nach einer Trennung weiterhin mit ihren Kindern zu leben und sie nicht nur an Wochenende zu sehen etc.
    Aber das darf eben in dem System nicht sein. Ein Vorteil, für den viele alles geben würden, kann nicht als solcher benannt werden, weil das in System nicht geht.

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