Warum Zurückkommen auch schwer ist

Raus in die Welt. Auf und davon. Neue Erfahrungen machen. Aus der Komfortzone treten. Weg aus der Heimat. Ich hatte Angst, als ich vor über einem halben Jahr im Auto auf der Fahrt zum Flughafen saß. Es kostete mich Mut meine Sachen zu packen, mich zu verabschieden und schließlich in den Flieger zu steigen. Inzwischen weiß ich, dass Zurückkommen genauso schwer fallen kann.

In den ersten Wochen meines Auslandsaufenthaltes vermisste ich mein gewohntes Leben noch sehr. Ein Leben im Hamsterrad, mit klaren Plänen und Terminen für die Zukunft. Ich vermisste meine Liebsten und malte mir aus, wie es sein würde sie bald wiederzusehen. In den letzten Wochen und Tagen in Namibia ging es mir anders. Ich wollte nicht zurück. Also irgendwie auch schon, aber ich wollte einfach dort bleiben können. Und während in der Anfangszeit die Vorstellung von der Heimat mit Freude verbunden war, überkam mich gegen Ende auch Angst, was alles auf mich zukommen würde.

Schließlich im Flieger nach Hause stieg natürlich auch die Vorfreude auf Familie, Freunde sowie Hund und legte sich langsam über den Abschiedsschmerz. Ich wollte von meinen Erlebnissen erzählen, hören was bei ihnen so los war und einfach zusammen Kaffeetrinken gehen können. So als wäre ich nie weg gewesen. Die Kleinigkeiten habe ich am meisten vermisst. Das Erzählen von unwichtigen täglichen Begebenheiten aus dem Wartezimmer beim Arzt, von der Zugfahrt oder was mich auf der Arbeit geärgert hat. Sowas fällt einem wohl erst auf, wenn man es nicht mehr hat, weil man nur alle paar Wochen telefoniert und dann nur von den „großen“ Dingen berichtet.

Und nun bin ich kaum wieder Zuhause und will eigentlich gar nicht hier sein. Ich will einfach raus und weg und denke irgendwo anders könnte es besser sein.

Es ist einfach so, dass die Welt nicht anhält, nur weil man weg ist. Und gleichzeitig bleibt vieles gleich, auch wenn man doch selbst das Gefühl hat ganz anders zurückgekommen zu sein.

Bevor ich ging hatte ich den Gedanken ich könnte einfach zurückkommen und alles wäre wie vorher. Die gleichen Freunde, die gleichen Hobbys, das gewohnte Leben… Doch Freunde ziehen weg, lernen andere nette Leute kennen, Familienangehörige gehen durch Krisen, wagen neue Schritte und man selbst hat all das verpasst. Wie viel in einem halben Jahr passieren kann, erfährt man dann irgendwie so auf Umwegen, im Nebensatz. „Ach, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt“, heißt es dann.

Und während sich viel verändert hat, bleibt anderes schrecklich gleich. Es fühlt sich an wie ein Pullover, der mir nicht mehr richtig passen möchte. Dieselben Gesichter, die immer gleichen Partys oder Veranstaltungen, die typischen Gespräche, die ich nun nicht mehr führen will. Ich höre dennoch zu, weil ich niemanden vor den Kopf stoßen will. Ich möchte nicht ständig eine Standpauke halten, wenn jemand von „Deutsch-Südwest“ statt Namibia spricht oder pauschal über „Afrikaner“ redet. Ich will nicht immer wieder ein Fass aufmachen, gerade weil ich jetzt begriffen habe wie wenig ich selbst wirklich weiß und wieviele Facetten jedem Thema innewohnen. Trotzdem vermisse ich Menschen, die kritisch sind, von denen ich lernen kann und sehne mich nach neuen Denkweisen.

Es ist wie eine innere Unruhe, die mich treibt und niemals wirklich entspannen lässt. Der Blick auf den Kontostand und in den Kalender frustriert. Ich will diese Angst wieder fühlen, sich auf etwas Neues einzulassen, umständlich mit schlechtem Englisch über Gott und die Welt diskutieren, überwältigt von der Schönheit der Natur sein. Es geht nicht wirklich darum, dass ich in Namibia immer glücklich war. Denn das war ich absolut nicht. Wer ist dies schon ein halbes Jahr lang jeden Tag? Doch selbst wenn mich vieles ärgerte, ich mich manchmal verloren oder einsam fühlte, war die Lebensqualität doch anders. Vielleicht fehlt mir auch nur die Sonne, Vitamin D und ein strahlend blauer Himmel unter Palmen nach dem Aufstehen. Doch sich verloren zu fühlen ist fern von Zuhause irgendwie anders als im heimischen Zimmer.

In der Ferne gewöhnt man sich an das „Fremdsein“, Zuhause dagegen fühlt man sich nicht zugehörig. Ein halbes Jahr habe ich mit Dingen gelebt, die in einen 65 Liter großen Rucksack und Handgepäck passen. Das erste Öffnen meines Kleiderschranks im Eigenheim überforderte mich. Es war als würde mich dieser ganze Konsum ersticken. Und jetzt sitze ich wieder zwischen meinen Jurastudium-Kommilitonen, die sich über die neuesten Turnschuhe unterhalten, mit der Chanel-Brille auf der Nase. Währenddessen überlege ich, wie lange ich den nächsten Friseurbesuch wohl zum Leidwesen meiner trockenen Haarspitzen noch rauszögern könnte und suche nach billigen Fliegern in die Ferne.

Ich weiß nicht, ob ich woanders wirklich glücklicher wäre. Doch Zurückkommen ist schwer und gerade wäre ich gerne wieder auf dem Weg irgendwo anders hin. Hauptsache weg. Dieses Gefühl außerhalb der Komfortzone zu sein, kann anscheinend süchtig machen. Zurückkommen erscheint einem dann wie der kalte Entzug in einer Gummizelle.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

3 Kommentare zu „Warum Zurückkommen auch schwer ist

  1. Oje, das hört sich ja nicht so schön an. Ich kann dich zwar nicht verstehen, war nie länger als 3 Wochen auf „Urlaub“, was ja nicht vergleichbar ist, aber kann es mir vorstellen. So lange weg zu sein ist sicher nicht einfach, da sich die Erde weiterdreht, wie man so schön sagt. Schnell wird alles wieder Normalität und dann möchte man es aber eigentlich nicht mehr.
    Liebe Grüße

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  2. Huhu! 🙂
    Hier nochmal der offizielle Reminder, dass du für den Mystery Blog Award nominiert bist. ❤ ich find deinen Blog echt wahnsinnig schön – vom Inhalt und der Struktur her. 🙂
    Die 5 Fragen findest du hier:
    https://aufundnachdom.wordpress.com/2017/10/10/mystery-blogger-award/
    Damit wäre meine To-Do-Liste für heute nun abgehakt und ich freue mich sehr, dass du dabei bist!
    Liebe Grüße aus Jarabacoa (DomRep),
    Sandra

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