Vom Frau sein 

Seit 1919 dürfen Frauen in Deutschland wählen. Bereits seit 1945 sind laut Gesetz alle Menschen gleich und Frauen sollten dieselben Rechte wie Männer haben. Doch bis 1958 entschied der Ehemann, ob seine Frau arbeiten durfte und verwaltete ihren Lohn. Und bis 1997 war die Vergewaltigung in der Ehe selbst nicht strafbar. Lediglich eine Strafbarkeit gemäß § 240 StGB (Nötigung) war denkbar. Und heute verdienen Frauen noch immer um die 20 Prozent weniger als Männer in Deutschland. 

Der erste Weltfrauentag wurde hier bereits 1911 gefeiert und war auch in den darauffolgenden Jahren von der Forderung nach dem freien Frauenwahlrecht bestimmt. In der Weimarer Republik wurden Arbeitszeitverkürzungen, günstigere Lebensmittel und der legale Schwangerschaftsabbruch gefordert. 

Gesetze wurden geändert und ganz offiziell sind Frauen im 21. Jahrhundert in Deutschland gleich, frei und haben alle Möglichkeiten. Währenddessen werden Mädchen und Frauen in anderen Teilen der Welt zwangsverheiratet, unterdrückt, diskriminiert, an ihren Genitalien verstümmelt, Opfer von Gewalt, ausgebeutet und kämpfen ums Überleben. 

Worüber soll ich mich dann bitte noch Aufregen? 

Ich rege mich darüber auf, dass Frauen in gleichen Berufen noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Ich rege mich darüber auf, dass Sexismus immer noch salonfähig ist. Ich rege mich darüber auf, dass jemand mit „grab them by the pussy“ tatsächlich Präsident werden kann. Ich rege mich darüber auf, dass immer noch in Rollenbildern gedacht wird und vorgeschrieben wird, wie eine Frau, eine Feministin, eine Mutter und ein Mädchen zu sein hat. 

„Mädchen sind einfach nicht so gut in Mathe und in Sport. Die sind besser in Fächern wie Deutsch und Ethik.“ 

„Das ist zu schwer für eine Frau! Lass mich das mal machen!“

„Der Film ist eher was für Männer. So ein Ballerfilm eben.“

„Sex ohne Gefühle können Frauen schlichtweg nicht.“

„Eine echte Feministin zeigt nicht ihre Brüste, rasiert und schminkt sich nicht.“

„Karrierefrauen sind schlechte Mütter“ 

Wäre es nicht so traurig, könnte man fast darüber lachen, wie und was eine Frau alles sein soll. Wir sollen möglichst gut aussehen, aber bloß nicht tussig. Wir sollen Kinder kriegen, im richtigen Moment, nicht zu spät und nicht zu früh und gleichzeitig Karriere machen, aber keine Rabenmutter sein. Wir sollen sexy sein, aber bloß nicht billig. Wir sollen gut kochen können und wissen wie man auch die fiesesten Flecken aus weißer Kleidung herausbekommt. Wir sollen nicht nur Salat essen, aber bloß nicht dick sein. Wir sollen beim Sport schwitzen, weil fit ist das neue skinny. 

Es ist einfach lächerlich! Man ist nicht weniger Frau, weil man blau statt rosa mag und Handwerken dem Lackieren von Fingernägeln vorzieht. Und man ist nicht weniger Frau, weil man sich gegen Kinder entscheidet, keine Kleider trägt oder nicht Kochen kann. 

Wir sollten sein können, was auch immer wir sein wollen. Wir sollten unsere eigenen Entscheidungen treffen können. Schluss mit dem „schwachen Geschlecht“, dem „wie ein Mädchen“ und „sowas ist nichts für Frauen“. 

Und als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wir immer noch in einer von vorwiegend Männern dominierten Welt leben, machen Frauen sich auch noch gegenseitig fertig. Der Fall um Emma Watsons Brüste, hat die Frage aufgeworfen, wie eine Feministin auszusehen hat. Hochgeschlossenes Oberteil, langer Rock bis über die Knöchel? Brüste zeigen, nur wenn man sie wie Femen nutzt und bloß nicht Schminken oder Rasieren?

Wieso fangen jetzt auch noch Frauen an, sich gegenseitig vorzuschreiben, wie wir zu sein haben?! Geht es nicht vielmehr genau darum, dass ich in der privilegierten Situation – im Hinblick auf Frauenrechte weltweit – bin, mit meinem Körper machen zu können, was ich will? Es ist meine Entscheidung, ob ich die Pille oder andere Verhütungsmethoden verwende, knalligen Lippenstift tragen möchte, mich rasiere, meine Augenbrauen zupfe oder kurze Röcke trage. Natürlich ist es mit bewusst, dass ich im ein oder anderen Fall damit der gesellschaftlichen Konvention von „schön“ entspreche oder eben gerade nicht. Aber auch dann: Es ist meine Entscheidung, was ich mit meinem Körper mache! 

Es sollte beim Feminismus nicht darum gehen, andere Frauen auszuschließen, sondern gemeinsam für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Wir sollten dafür kämpfen, dass „Nein“ auch „nein“ heißt, Frauen gleich bezahlt werden wie ihre Kollegen, variable Arbeitszeiten und besser Kinderbetreuung zur Verfügung stehen, die Mehrwertsteuer auf Tampons und Co. günstiger wird, man nachts allein keine Angst haben muss beim Nachhauseweg, mehr Frauen in Führungspositionen Platz finden und Sexismus aus unserer Gesellschaft verschwindet. 

Ich wünschte wir würden aufhören in männlichen und weiblichen Stereotypen zu denken. Muskulöse, ungeschminkte Frauen, sind nicht weniger weiblich und Männer, die weinen, gerne dekorieren oder 20 verschiedene Cremes im Badschrank haben, sind nicht weniger männlich.  Was heißt schon „männlich“ oder „weiblich“? Wir kämpfen für Gleichheit und diese sollte schließlich auf beiden Seiten, für alle Geschlechter und Sexualitäten gelten. Und irgendwann brauchen wir hoffentlich keinen internationalen Weltfrauentag mehr, um auf Missstände hinzuweisen, weil sie nicht mehr existieren. 

Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

One thought on “Vom Frau sein 

  1. Guter Text, aber der letzte Abschnitt, na ja. Weiblich ist schon als weiblich zu erkennen und wer diesem Muster nicht entspricht, also nicht als dieses zu erkennen ist, ist weniger weiblich. Deshalb aber kein schlechterer Mensch. Aber es gibt körperliche Merkmale, die auch dir ermöglichen in Sekunden eine Entscheidung zu treffen ob Weib oder Mann. Stereotype sind notwendig zum Überleben, Entscheidungen werden blitzschnell im System 1 getroffen und erst wenn da keine Lösung ist, wird wirklich gedacht, sehr langsam. Wenn wir über alles immer und überall nachdenken würden, werden wir nicht mehr handeln können, kein Auto fahren usw. es würde uns gar nicht geben, weil uns die Raubtiere beim nachdenken schon gefressen hätten.

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