Namibia: Lüderitz – der Ankunftsort der deutschen Geister

Raues Klima, Sand und der stürmische Atlantik – in dieser Szenerie liegt das etwas verschlafene und vor allem skurrile Städtchen Lüderitz. Und spätestens beim Besuch der Diamantenstadt Kolmannskuppe, fragt man sich, warum hier bloß die Kolonialisierung Namibias begann.

Kurz nach Weihnachten zog es mich zusammen mit meinen beiden kulturweit-Kolleginnen in die Küstenstadt Lüderitz, wo wir der Geschichte Namibias noch tiefer auf den Grund gingen und den Beginn unseres Urlaubs genossen.

 Früh morgens am zweiten Weihnachtsfeiertag machten wir uns auf den Weg zu den Minibussen und sicherten uns schnell und für wenig Geld (im Vergleich zu deutschen Preisen) einen Sitzplatz für die Fahrt nach Lüderitz. Nach etwas Geduld konnte die Reise dann auch starten und wir quetschten uns zu viert auf die Rückbank. Probleme mit Körperkontakt sollte man bei dieser Fortbewegungsform und namibischen Temperaturen im Dezember definitiv nicht haben. Und nach über 650 Kilometern war ich schließlich mehr als froh am Ziel der Reise angekommen zu sein. Im Anschluss an die letztlich erfolgreiche Suche unserer Couchsurfing-Unterkunft, verbrachten wir den Abend ganz entspannt im „Café Diaz“ mit Pommes und Meeresfrüchten und ergoogelten uns im Internet einige Infos über die Stadt im Dunst von Frittierfett.

Barrels, Lüderitz, Namibia

 

Bevor der eigentliche Namensgeber Adolf Lüderitz sich nämlich hier niederließ, „entdeckte“ der Portugiese Bartolomeu Diaz im Januar 1488 eigentlich die Bucht und suchte hier Zuflucht vor schlechtem Wetter. Der Bremer Kaufmann Lüderitz ließ im Mai 1883 zunächst das Gebiet der kleinen Bucht durch seinen Vertrauten Heinrich Vogelsang von dem Häuptling der Bethanier Joseph Fredericks erwerben. Lüderitz soll fasziniert gewesen sein von der Idee eine private Kolonie unter deutschem Schutz zu gründen. Die hierfür ausgewählten Gebiete kaufte er trickreich zu Spottpreisen. Der wohl bekannteste Fall ist der sogenannte „Meilenschwindel“. Hier kam dem Kaufmann gelegen, dass Fredericks von Bethanien nur die englische Meile (ca. 1,6 km) kannte, Lüderitz aber Gebrauch von der deutschen Meile (ca. 7,4 km) machte. Somit hatte Fredericks für nur 500 Pfund Sterling und 60 englische Gewehre ein sehr viel größeres Gebiet an Lüderitz verkauft als gedacht. So gründet also der Startschuss der deutschen Kolonialgeschichte auf einem Schwindel, geprägt von der Hybris der „Platz unter der Sonne“ – Suchenden. Als die Engländer schließlich mit einem Kriegsschiff die Hafeneinfahrt blockierten und somit die Stadt keine Trinkwasserlieferungen aus Kapstadt mehr erreichen konnten, wandte sich der Unternehmer an das Deutsche Reich und bat um Schutz. Diesen gewährte Bismarck schließlich 1884, die deutsche Fahne wurde in Südwestafrika gehisst und die deutsche Kolonie war geboren.

 

Kolmannskuppe, Namibia

 

Von diesen und anderen Informationen und dem Frittierfett schließlich vollkommen erschlagen, kuschelten wir uns früh ins Bett. Am nächsten Morgen und nach einem Abstecher bei der Tourist-Information, ging es 15 km raus aus der Lüderitz in die alte Diamantenstadt Kolmanskuppe. Fun-Fact: Obwohl Lüderitz viel Geld für Forschungsreisen aufwendete, um Bodenschätze zu finden, blieb er Zeit seines Lebens erfolglos. 22 Jahre nach seinem Verschwinden, fand man schließlich nur wenige Kilometer von der Lüderitzbucht entfernt Diamanten. Sie waren also die ganzen Jahre fast vor seiner Nase. Ärgerlich!
Die alte Diamantenstadt Kolmanskuppe ist heute eine wahre Geisterstadt, deren ausgestorbene Häuser von den Dünen verschlungen werden. So machten wir uns also zwischen vielen deutschen Touristen auf, um uns die Überreste Stadt bei einer Führung genauer anzusehen.

 

Kolmannskuppe, Namibia
Kolmannskuppe, Namibia

 

Der Diamantenboom begann 1908 in Kolmanskuppe, als ein Eisenbahnmitarbeiter die ersten wertvollen Steine entdeckte. Rund 300 Familien, die meisten aus dem Deutschen Reich, lebten daraufhin hier und versuchten zwischen Sand, fehlendem Trinkwasser und Wind eine kleine Oase entstehen zu lassen. Es gab eine Schule, ein Krankenhaus, in dem es das erste Röntgengerät des Südlichen Afrikas gab, eine Wasserentsalzungsanlage, eine Kegelbahn und was sonst noch so das Herz begehrte. Mit der Verlagerung des Diamantenabbaus in den Süden um 1920 wurde aus Kolmanskuppe sehr bald eine Geisterstadt. Etwas vom Boden aufzuheben oder gar ins Sperrgebiet zu gehen, sollte man aber dennoch besser unterlassen. Wobei ich mich schon über so einen kleinen Diamanten als Mitbringsel gefreut hätte…

 

Nicht sonderlich stilsicher, dafür aber schützend vor Sand und Wind. Kolmannskuppe, Namibia

 

Sehr nostalgisch verhielt sich leider auch unsere Touristenführerin, die lieber von den wunderschönen Möbeln und alten Küchengeräten sprach, als über Lüderitz Meilenschwindel und den Umgang mit den Schwarzen, der ihrer Meinung nach doch ganz gut gewesen sei. Da schluckten wir drei also bei mancher Äußerung, die die Dame so machte, ziemlich schwer und waren schon etwas erstaunt über das vollkommen unkritische Verhalten so einiger anderer Touristen. Die waren vielleicht einfach zu verzaubert von den alten gemusterten Tapeten. Wer will sich da schon mit der schmutzigen Vergangenheit beschäftigen? Und dann auch noch im Urlaub – sowas will doch wirklich niemand. Da macht man lieber Fotos von den Deckenlampen der Kegelbahn. Irgendwie passend, dass diese wirre Kopie Deutschlands hier im Sand versinkt.

 

Kolmannskuppe, Namibia

 

Nachdem wir eine Mitfahrgelegenheit zurück in die Stadt gefunden und uns im Supermarkt eine kleine Stärkung gekauft hatten, machten wir uns nach einer kleinen Pause zu Fuß auf zur Haifischinsel. Traurigerweise erwähnt mein Reiseführer (Iwanowski’s Namibia) hier nur in einem einzigen Satz einen Teil des wohl abscheulichsten Verbrechens innerhalb der deutschen Herrschaft von Südwestafrika: „Nach dem Aufstand von 1904 waren hier Herero und Nama in einem Gefangenenlager untergebracht.“ (S. 237; 28. Auflage). Tatsächlich handelte es sich hierbei um eines der ersten deutschen Konzentrationslager. Herero und Nama wurden als Zwangsarbeiter in der Lüderitzbuch ausgebeutet und litten unter den schrecklichen Zuständen auf der Insel. Zahlreiche Gefangene erkrankten an Skorbut und vertrugen das nasskalte Klima nicht, sodass über Zweitausend starben. Und heute, da ist auf Shark Island ein Campingplatz und keine Gedenkstätte. Wie kann man an diesem Ort bloß seinen Urlaub genießen oder würde jemand etwa in Auschwitz campen gehen?

 

Shark Island, Lüderitz
Ausblick von Shark Island, Lüderitz

 

Vorbei am Hafen und Gründerzeitvillen, liefen wir zurück in die Stadt. Nach dem Queren der lahmgelegten Eisenbahnschienen, einstmals eine wichtige Lebensader der Stadt, erreichten wir wieder das Zuhause unseres Gastgebers und freuten uns über die Einladung seiner Mutter zum Essen. Den letzten Abend ließen wir schließlich im „Ritzi’s Restaurant“ am Hafen ausklingen.
Lüderitz, diese merkwürdige Stadt im Sand. Es ist schwer dieses Fleckchen Erde so richtig in Worte zu fassen. Irgendwie wirkt Lüderitz hoffnungslos und die alten Häuser fehl am Platz. Und obwohl die vergangenen Tage der Kolonialzeit hier noch sehr präsent sind, so zeigt die Stadt und vor allem Kolmanskuppe doch auch den Aufstieg und Fall des Imperialismus in Namibia in dieser menschenfeindlichen Natur. Denn diese macht es den Menschen nicht leicht und nimmt sich zurück, was man ihr nahm. Damit ist Lüderitz für mich der Inbegriff der Vergänglichkeit.

 

Lüderitz, Namibia

 

Um das koloniale Erbe abzustreifen wurde die Region übrigens inzwischem umbenannt in !Namiǂnûs, was soviel wie „umarmen“ bedeutet. Ein wichtiger Schritt, um den schwindelnden Kaufmann nicht auch noch weiterhin zu ehren. Doch die Zukunft für die Küstenstadt mit ihren 20.000 Einwohnern bleibt abzuwarten. Durch Überfischung der Gewässer existieren heute nur noch zwei der ehemals sechs Fischfabriken, weshalb viele Männer nach Walvis Bay gehen um dort ihr Geld in Weißfischfabriken zu verdienen. Dennoch könnte der Hafen, als einer der wenigen Tiefseehafen entlang der tausend Kilometerlangen Küste die Industrie in der Stadt wieder beleben.

 

Ganz schön windig hier. Lüderitz, Namibia

 

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von diesem skurrilen Städtchen auch schon wieder und wurden auf der einzigen Straße zurück nach Keetmanshoop noch lange von Dünen neben uns und viel Sand auf dem Asphalt begleitet.

Verfasst von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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