Namibia: Katutura – Der Platz, an dem wir nicht leben möchten

Was mache ich eigentlich hier? Ich sitze auf dem Autositz und blicke aus dem Fenster. Ein paar Kinder entdecken mich. Sie lachen und winken mir mit ihren kleinen Händen zu. Das Auto rollt weiter über die staubige Straße, vorbei an Häusern aus Wellblech, durch Katutura. Ich komme mir komisch vor, wie ich hier so als Armutstourist durch die Straßen fahre und durch das Autofenster starre. Es fühlt sich irgendwie falsch an und doch musste es einfach sein, denn Windhoek besteht aus mehr als dem Zentrum, Windhoek West und Klein Windhoek.

Katutura heißt übersetzt etwa „der Platz, an dem wir nicht leben möchten“. Das ehemalige Township ist während der südafrikanischen Apartheidspolitik entstanden. Die Schwarzen sollten von dem „weißen“ Windhoek ferngehalten werden, weshalb 1959 die Zwangsumsiedlungen begannen. Die verschiedenen Stämme wurden getrennt und an ihren Häusern wurden Buchstaben befestigt wie „D“ für Damara oder „H“ für Herero.
Über 50 Jahre später leben immer noch nur Schwarze in Katutura. Der Vorort zieht inzwischen vor allem Zugezogene aus anderen Landesteilen an, die in Windhoek auf Arbeit hoffen. Ohne Geld reicht es dann nur für ein kleines Wellblechhaus, ohne fließendes Wasser oder Strom. Wer bereits zu den glücklichen gehört und eine Arbeitsstelle besitzt, der läuft teilweise bis zu vier Stunden von Katutura nach Windhoek, denn durch die niedrigen Löhne können sich viele kein Taxi leisten.
Ja und ich nippe gerade an meiner Wasserflasche während ich bequem im Taxi sitze. Die Folgen der Kolonialzeit und Apartheid wie ein Faustschlag im Gesicht. Taxifahrer Erick, der mit mir und zwei Freunden die mehrstündige Tour durch seine Heimat unternimmt, macht uns auf einen älteren Mann aufmerksam, der in einem kleinen Ziehkarren zwei Wasserkanister transportiert. Wie selbstverständlich doch Wasser für mich ist! Immer wieder wird mir in diesem Land meine privilegierte Position bewusst. Da ist er wieder der Faustschlag.
Erick hat viel zu erzählen über Katutura. Über das Leben, Arbeiten, Familien, Geschichte und aktuelle Probleme. Er spricht über Versprechungen der Politik und Projekte, die wirklich etwas bringen. So wird gerade der Bau einer weiteren Schule vorbereitet, da noch immer nicht alle Kinder eine Chance auf eine Schulbildung haben. Außerdem sprechen wir über Aids, Vergewaltigungen und wie man sich ohne fließendes Wasser wäscht oder auf Toilette geht.
Es ist schwierig für mich über Katutura zu berichten. So bin ich doch durch mein Dasein als weiß-positionierte Frau, die vom Kolonialismus noch bis heute profitiert, nicht unvoreingenommen. Zu schnell kommt das Wort „WellblechHÜTTE“ über die Lippen und stuft somit das Zuhause eines anderen Menschen runter und lässt es als etwas schlechtes und unterentwickeltes erscheinen. Doch wer bin ich, der ich mich in dieser Form über andere Menschen und ihr Leben erhebe? Und doch wünsche ich den Kindern, die ich hier auf der Straße sehe eine andere Zukunft.
Ich habe lange überlegt, ob ich mit Erick diese Tour durch Katutura machen soll. Vieles sprach dagegen. Das Gefühl von Armutstourismus, -Romantisierung und Zoo lässt sich einfach nicht vollends vertreiben. Doch nicht nur das Begaffen anderer Menschen in ihrem Zuhause schlug mir auf den Magen. Wie gehe ich damit um, was ich sehen werde? Was lasse ich an mich heran? Wie viel Betroffenheit lasse ich zu? Denn wie könnte man sonst an einem Heim für Kinder vorbeifahren, deren Eltern an Aids gestorben und die ebenfalls infiziert sind oder an Straßenhunden, denen die Fliegen bereits aus den Ohren krabbeln und die im Müll nach etwas Eßbarem suchen und dann einfach wieder zur Tagesordnung zurückkehren?
Und doch ist Katutura ein sehr wichtiger Teil von Windhoek, den man nicht einfach auslassen kann, weil es weh tut und man sich mit der Vergangenheit beschäftigen muss. Ich will nicht von dem „anderen“ oder dem „richtigen“ Windhoek schreiben. Aber während die Straßen in Windhoek West fast immer leer sind, ist Katutura voller Leben. Obststände am Straßenrand, viele Friseure, Bars, Grillstände – in Katutura herrscht ein reges Treiben. Inzwischen wird Katutura von seinen Einwohnern teilweise als „Matutura“ bezeichnet, was so viel heißt wie „der Ort, wo wir gerne leben möchten“.
Wir halten mehrmals an, schauen uns um und lassen uns von Erick über die jeweiligen Plätze berichten. Es wird wärmer im Auto und wir lassen die Fenster herunter. Als wir an einer Gruppe Kinder vorbeifahren, winken, lächeln sie und rufen „Weiße“. Erick erklärt uns, dass hier einige denken, Weiße seien näher an Gott und es bringt Glück sie zu sehen. Ein für mich absolut unvorstellbarer Gedanke. Sie machen mich traurig diese Hautfarben. Schwarz, Weiß, Farbig, noch nie in meinem Leben habe ich mir über die „Farbe“ der Haut so viele Gedanken gemacht und wurde von ihr und den Auswirkungen hierin Unterschiede zu machen, so konfrontiert.
Und plötzlich stehen wir an einem See, im Grünen, mit Picknicktischen und Grillstellen. Der Wind bläst über den See und man möchte nur zu gerne in das kühle Nass springen. Doch davon rät Erick uns allerdings deutlich ab, denn bei dem Wasser handelt es sich um Abwasser, welches zwar teilweise etwas gereinigt wurde, aber letztlich doch sehr schmutzig ist. Trotzdem ist es ein krasser Kontrast zu dem ansonsten trockenen Windhoek.
Zum Abschluss unserer Tour gehen wir noch Kapana essen im „Single Quarters“. Genauer gesagt habe ich kein Kapana gegessen – noch bin ich Vegetarier. Dafür aber einen sehr scharfen Tomate-Zwiebel-Salat und Brötchen. Kapana ist gegrilltes Fleisch und sehr bekannt und beliebt in Katutura. Die riesigen, rohen Fleischstücke, die bereits von ein paar Fliegen belagert werden, getrocknete Maden, Gewürze und Gemüse sowie schließlich die großen Grills, auf denen Kapana vor sich hin brutzelte, bilden die Szenerie.
Ja und dann… dann geht es wieder nach Hause, in meine geflieste Dusche, mit fließendem Wasser, in den Supermarkt und mit Vino auf die Terrasse, den Kopf voll mit Bildern und Gedanken, die man doch irgendwie noch nicht so nah an sich ran lassen möchte, denn sonst müsste man sich ja fragen „was mache ich hier eigentlich?“

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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