kulturweit: Selbsthilfegruppe für anonyme Ausreiser

Langsam wird es mir erst so richtig bewusst: Ich werde für sechs Monate ins Ausland gehen, dort arbeiten und leben. Es zieht mich nach Namibia, Windhoek genauer gesagt, zur Deutschen Welle Akademie.

Die Entscheidung, mich bei kulturweit für den Freiwilligendienst zu bewerben, liegt schon einige Monate zurück und nun bin ich hier, in Berlin am Werbellinsee auf dem Vorbereitungsseminar und kann es noch immer nicht so ganz glauben.

In aller Frühe startete am Donnerstagmorgen vor einer Woche mein persönliches Abenteuer. Die letzten Sachen wurden in den Trekkingrucksack gestopft und dann ging es auch bereits los. Noch schnell von der Familie und meinem Hund Poldi verabschiedet und schon saß ich im Zug. Im ICE traf ich dann direkt auf einige andere kulturweit-Freiwillige. König Zufall! Schnell wurde abgefragt, wer wohin für wie lange gehen wird. Diese Fragen werde ich in den darauffolgenden Stunden und Tagen noch oft beantworten und selbst stellen. 

Vom Berliner Hauptbahnhof aus wurde die Masse von Fernwehgetriebenen mit Shuttlebussen zum Werbellinsee gefahren. „Wo gehst du hin?“, fragt mich mein Sitznachbar. „Nach Namibia!“, antworte ich. „Cool und was machst du da?“, fragt er weiter. „Ich gehe zur Deutschen Welle Akademie nach Windhoek!“ Schnell entsteht ein Gespräch über unsere Einsatzländer und -stellen. Unter Gleichgesinnten findet man wirklich einfach Gesprächsthemen!

Die folgenden zehn Tage waren geprägt von Mikroblicken (oder auch „Selbsthilfegruppe für anonyme Ausreiser“ genannt), Seminaren, Workshops, nächtlichen Gesprächsrunden und gemeinsamen Mahlzeiten.

Irgendwie würde ich dieses Vorbereitungsseminar als eine Art Selbstfindungstagung beschreiben, in der man sein bisheriges Verhalten hinterfragt und bisher für normal oder richtig Befundenes auf den Kopf stellt. Inspirierend und anstrengend!

So beschäftigten wir uns am zweiten Tag mit Rassismus und Post-Kolonialismus. Zwar kannte ich einige Rassismus-Themen wie Intersektionalität bereits aus der Universität, doch wurden mir einige Dinge tatsächlich erst hier am Werbellinsee deutlich. Die Begriffe „entwickelt“ und „unterentwickelt“ sehe ich zum Beispiel in einem neuen Licht und betrachte nun auch mein Dasein als Freiwillige von „kulturweit“ sehr kritisch. Schließlich kann ich vor allem dank meiner vielen Privilegien, die ich als weiß-positionierte/ sozialisierte Frau aus dem Globalen Norden habe, den Luxus genießen als geförderter Kulturbotschafter ins Ausland zu gehen. Hierbei nutze ich postkoloniale Strukturen und profitiere von ihnen. Und dann gehe ich auch noch in ein Land, indem Deutschland während der Kolonialzeit Menschen verletzt und ausgebeutet hat. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass die ersten deutschen Konzentrationslager in Namibia ihren Ursprung fanden.

Durch weitere Seminare zum Thema kritisches Weiß-Sein, wurden mir Machtstrukturen wie beispielsweise die Sprache aufgezeigt, Alltagsrassismus, ebenso wie meine Privilegien und damit einhergehende Verantwortung. Gleichzeitig befassten wir uns mit unserer Schuld und der häufig gefühlten Ohnmacht. Wie soll ich also kein Mitleid empfinden oder versuchen die Armut und Diskriminierung in Ländern des Globalen Südens nicht auszublenden? „Haltung“ wurde in diesem Kontext immer wieder genannt. Den Menschen also auf Augenhöhe begegnen, sich nicht als etwas Besseres fühlen oder darstellen, weil man aus dem ach so „entwickelten“ Globalen Norden kommt, sensibel kommunizieren und die soziokulturellen Codes beachten.

Daneben sprachen wir über Sexismus und Gender in kleineren Gruppen, was ich als eine schöne Erfahrung in Erinnerung behalten werde. Es tut gut zu wissen, dass es anderen Menschen ähnlich geht und man mit seinen Gedanken nicht alleine ist.

Natürlich gab es noch eine große Veranstaltung rund um kulturweit, zu den Versicherungen, Urlaubstagen und weiteren wichtigen Infos.

Einen Tag durfte ich als zusammen mit drei Weiteren bei der Deutschen Welle Akademie in Berlin verbringen. Endlich mal raus aus der Jugendherberge! Nach einer Woche aufeinander kommt einfach etwas Lagerkoller auf, auch wenn der See und die Umgebung hier noch so schön sind. Im Anschluss an ein interessantes Gespräch bei der Deutschen Welle Akademie über deren Arbeit, haben wir Mädels noch ein paar Stündchen Berlin unsicher gemacht und den Tag so richtig genossen.

Neben den thematischen Impulsen, wurden von den TrainerInnen auch verschiedene Workshops angeboten. Hier habe ich Workshops zum Thema Interview sowie Fotojournalismus besucht und konnte noch einiges für mich mitnehmen.

Inzwischen blicke ich auf ein buntes Vorbereitungsseminar zurück, bei dem mir definitiv nicht immer alles gefiel, ich aber über neue Inputs nachdenken und vor allem mit anderen diskutieren konnte. Gerade die vielen Gespräche mit   Freiwilligen haben sich positiv auf das Seminar ausgewirkt. Zwar habe ich mich hier nicht auf meine zukünftige Arbeit oder ausschließlich auf mein Einsatzland vorbereitet, doch kann dies wohl einfach schlecht geleistet und schon gar nicht verlangt werden. Es handelte sich mehr um eine persönliche Vorbereitung, wobei ich meiner Meinung nach absolut zu oft meine Erwartungen und Ängste bezüglich meines Freiwilligensdienstes formulieren musste.

Bald geht es nach Hause und dann wird es auch schon ernst. Noch die letzten Dinge wie Gepäckversicherung, ein paar Einkäufe und organisatorischer Kram müssen erledigt werden und dann sitze ich auch endlich im Flugzeug und lasse mein altes Leben, Freunde und Familie für ein paar Monate hinter mir. Ich hoffe, dass ich die vielen, neuen Gedanken in Namibia umsetzen und weiterdenken werde, unvoreingenommen bleibe, um die neuen Eindrücke auf mich wirken lassen zu können, ohne direkt zu werten oder einzuordnen. Auch meine Art Blogposts über meine Erlebnisse zu schreiben und über Namibia zu berichten, werde ich immer wieder kritisch beleuchten müssen.

Ich bin gespannt, ein bisschen aufgeregt und voller Vorfreude! Los geht’s!

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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