Wandern: Ich mach das jetzt einfach!

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Atmen. Schnaufen. Ich stütze mich auf meine Wanderstöcke. Beuge mich vor und lege meine Stirn auf die Hände. Warum mache ich das nochmal?, frage ich mich, während mir der Schweiß den Rücken runterrinnt. Alles tut weh. Die Blasen an den Füßen. Die Schienbeine. Die Schultern und die Hüfte. Ich stehe auf einem Waldweg. Langsam richte ich mich wieder auf und versuche den Rucksack auf meinem Rücken  auszubalancieren. Mein Hund Poldi betrachtet mich aufmerksam. Es scheint als würde er denken „Jetzt stell dich doch nicht so an Frauchen! Lass uns weitergehen!“ Also dann, nochmal tief Luft holen und weiterwandern.
Drei Tage Rheinsteig liegen hinter mir. Von Rüdesheim bis Wiesbaden-Biebrich. Traumhaft schön, anstrengend und alles zugleich.

Morgen soll es losgehen. Ich stehe in meinem Zimmer und versuche zum gefühlt hundertsten Mal meinen Deuter Trekkingrucksack zu packen. Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kleidung, Nahrung und was man sonst noch so braucht, müssen verstaut werden. Puh! Will ich das wirklich?, frage ich mich. Schließlich könnte ich auch einfach Campen gehen und ein paar schöne Tagestouren machen. Alles ins Auto schmeißen und los geht’s. Aber nein, denn spontan habe ich mich entschlossen dem Rheinsteig drei Tage lang einen Besuch abzustatten. Ihn komplett zu laufen war schließlich der eigentliche Plan für dieses Jahr gewesen, wäre da nicht eine Zusage für sechs Monate Freiwilligendienst in Namibia hereingeflattert. Also lieber drei Tage statt gar nicht. Trainieren für die erste Mehrtageswanderung, Rucksack eintragen, die Packliste perfektionieren? Fehlanzeige! Spontanität hat für sowas keine Zeit. Mein Motto: Ich mach das jetzt einfach!
Irgendwann passt schließlich alles in den Rucksack. Ich zurre alles zu und betrachte mein Werk. Ein Monster! Ich denke an die vielen Forumsbeiträge zum Thema Rucksack, die ich mir vor dem Kauf durchgelesen habe und schlucke. „Ja so 70 Liter bräuchtest du schon!“, schrieb ein User. Jetzt lache ich nur. Mein „kleiner“ 45+10 Liter Trekkingrucksack wirkt gerade ziemlich monströs auf mich. Dann heißt es das Monster mal aufzusetzen. Nur wie? Ich versuche ihn anzuheben. Um Himmels Willen! Also hieve ich das Schwergewicht aufs Sofa. Setze mich auf die Sofakante, gleite mit den Armen durch die Träger, hole Schwung und stehe auf. Ganz schön wackelig! Ich schließe den Hüftgurt und betrachte mich im Spiegel. So werde ich also die nächsten drei Tage verbringen. Wird schon schiefgehen, denke ich mir und gehe schließlich spät und bereits etwas aufgeregt ins Bett.
Am nächsten Morgen geht es endlich los. Poldi und ich stehen am Bahnsteig. Ich fühle mich unwohl. Alle gucken uns an. Kleine Frau in Wanderoutfit mit Monster auf dem Rücken und ein aufgedrehter Entlebucher Sehnenhund, ebenfalls mit Rucksack. Augen zu und durch. Zwei Stunden Zugfahrt in drei verschiedenen Zügen liegen vor uns. Der erste Zug ist zum Glück relativ leer. Ich bin trotzdem nervös. Hoffentlich klappt alles. Wir finden freie Plätze und ich versuche Poldi so ruhig wie möglich zu halten. Der Ball auf dem er eben noch zufrieden rumgekaut hatte, rollt beim Halt des Zuges leider einmal durch den halben Waggon zwischen den Füßen der anderen Fahrgäste hindurch. Mist! Poldi wird unruhig und versucht unter den Sitzen zu seinem Ball zu kriechen. Bei dem nächsten Ruck des Zuges findet dieser zum Glück wieder den Weg zu uns zurück.
Schließlich steigen wir in Wiesbaden in die Bimmelbahn nach Rüdesheim um. Der Zug ist rappelvoll! Heute scheint der allgemeine Ausflugstag zu sein. Rentner-Wandergruppen, viele Kinder, Touristen quetschen sich in die Bahn. Ich ergattere einen Sitzplatz und quetsche Poldi zwischen meine Beine. An richtiges Sitzen ist nicht zu denken. Der Rucksack hinter mir beansprucht den meisten Platz. Ich bin jetzt eigentlich schon fix und fertig nur von der Anreise. Während der Fahrt belausche ich die Gespräche der Wandergruppe. Der Rheinsteig sei völlig überfüllt und nicht schön zum Wandern. Was?! Na danke für diese Einschätzung, denke ich für mich und hoffe darauf, dass die Dame sich irrt.
 
 
Endlich kommt die Durchsage: Nächster Halt Rüdesheim. Vom Bahnhof aus laufen wir zu der Rüdesheimer Seilbahn, die uns direkt auf den Rheinsteig bringen wird. Nach einem kurzen Zögern hüpft Poldi in die Gondel und ich entspanne mich langsam. Wir sind da und jetzt kann es losgehen! Meine Höhenangst hält sich während der Fahrt in Grenzen und ich kann die wunderschöne Aussicht auf den Rhein genießen. Oben angekommen, ist der Weg schnell gefunden und führt durch die Weinberge zur Abtei St. Hildegard. Erstmal Frühstücken!
Die Weinberge bleiben zunächst stetiger Begleiter während dem ersten Abschnitt. Dann wird der Weg im Wald deutlich steiler und ich spüre den Rucksack von Schritt zu Schritt mehr. Still verfluche ich jedes Gramm zu viel und muss immer wieder stehenbleiben. Ist das noch Wandern oder Stehen?, überlege ich und komme mir unglaublich unfit und kraftlos vor. Ich folge den Plaketten und Aufklebern und der Weg entspannt sich wieder etwas, bis nach dem Wallfahrtskloster Marienthal der Rheinsteig die nächste Herausforderung parat hat. Ein steiler Waldpfad will erklommen werden und so stolpere ich über Wurzeln. Mir fällt die Nektarine ein, die leider schon einige Druckstellen von der Anreise erlitten hatte. Ich schlürfe sie während dem Gehen und lache über mich selbst, denn normalerweise ruft eine zermatschte Nektarine bei mir nicht derlei Glücksgefühle aus. Der Saft rinnt mir über Finger und Kinn und ich bin froh allein auf dem Weg zu sein. Weiter durch den Wald überlege ich schon, die nächste Pause einzulegen, reiße mich aber zusammen in der Hoffnung, eine passendere Stelle als den Waldboden zu finden. Die Geduld wird belohnt. Ich finde die wohl schönste und gemütlichste Bank auf einer Wiese mit Streuobstbäumen. Ein absoluter Traum! Circa zehn Kilometer liegen nun hinter mir. Schnell ist der Rucksack abgesetzt, die Wanderschuhe ausgezogen und die Cracker ausgepackt. Poldi stürzt sich auf sein Futter und legt sich entspannt zu meinen nackten Füßen.

 

 

Gestärkt geht es weiter durch Wald und Wiesen. Das Schloss Vollrads lasse ich fast unbeachtet neben mir zurück. So langsam wird die Tour mehr zu einem Kampf als zu einer Wanderung. Ein Kampf gegen mich selbst bzw. dem Ungetüm auf meinem Rücken. Warum habe ich bloß so viel Kram eingepackt?!, ärgere ich mich über mich selbst und komme mir vor wie in dämlicher Anfänger mit dummen Anfängerfehlern. Naja, bin ich ja schließlich auch. Und aus Fehlern lernt man immerhin, vor allem wenn sie weh tun. Während ich vorbei an den Weinreben hinke, brennen die Stellen an denen der Hüftgurt aufliegt immer mehr. Das gleiche gilt für die Schultern. Ich wechsle die Belastung ab und verstelle die Riemen alle paar Meter.

Dann beginnt der Abstieg nach Oestrich-Winkel. Ich laufe durch das Dorf und suche den Bahnhof. Laut Wanderkarte müsste er gleich in der Nähe sein. Ich bahne mir den Weg durch die Gassen und blicke schließlich entgeistert auf den Bahnhof. Das darf doch nicht wahr sein! Ich könnte heulen, denn ich stehe auf der anderen Seite. In welchem Jahrhundert leben die denn, dass der Bahnhof nur von einer Seite zu erreichen ist?! Mittlerweile bin ich am Ende meiner Kräfte angekommen. Über 18 Kilometer Wanderung liegen hinter uns und jetzt will ich einfach nur zu dem Campingplatz in Hattenheim kommen, aber zwischen mir und dem begehrten Zug liegen die Schienen. Einfach rüberrennen? Rennen! Da lache ich nur über mich selbst, denn ich kann ja nicht mal mehr richtig laufen. Slow Motion würde es eher treffend beschreiben. Ich gehe ein paar Schritte weiter und gelange schließlich auf einen Feldweg. Plumpsend lasse ich mich auf den Boden sinken. Ich fluche und bin wütend auf mich selbst. Warum habe ich nicht früher mal GoogleMaps zu Hilfe gezogen? Dann hätte ich nämlich gewusst, dass ich so nicht zu meinem Ziel gelange. Meine Füße brennen wie Feuer. Ich ziehe die neuen Wanderschuhe und Socken aus und entdecke die ersten Blasen und Druckstellen. So schaffe ich keine fünf Meter mehr. Gefrustet stecke ich mir eine Zigarette an und befrage mein Handy nach dem Weg. Elf Minuten sollen es nur zum Bahnhof sein. Da ich schlecht für immer auf diesem Feldweg sitzen bleiben kann, raffe ich mich auf und hole meine heiß geliebten Birkenstock Zehentrenner aus dem Rucksack. Mit letzter Kraft kriege ich das Monster wieder auf meinen Rücken gehoben und watschle Richtung Bahnhof. Ich setze mich in das Bahnhofshäuschen und bin schlecht gelaunt. Eine halbe Stunde warte ich auf den nächsten Zug. Draußen fängt es langsam an zu regnen. Damit ist meine Stimmung endgültig auf dem Tiefpunkt angekommen.

Vom Bahnhof in Hattenheim finde ich zum Glück schnell den Weg zum Campingplatz. Poldi begrüßt lautbellend die dortigen Hunde und ich bin einfach nur genervt, hungrig und müde. Während ich das Formular ausfülle und auf den Schlüssel warte, frage ich den Herrn wie lange die Küche noch offen hat. „Wir schließen gleich“, ruft ein Älterer aus einem anderen Zimmer, aber im Ort würde es viele andere Restaurants geben. Als ob ich da nochmal zurücklaufen könnte, überlege ich still und bin nur noch mehr gefrustet. In meiner Vorstellung hatte ich mein Zelt aufgebaut und dann den Abend mit einem Wein der Region und einer anständigen und kalorienhaltigen Mahlzeit verbracht. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist dann wohl doch noch ein Unterschied. Langsam laufe ich zu dem Zeltplatz, schließe das Hoftor auf und suche mir ein Plätzchen. Poldi binde ich an einen Baum und beginne daraufhin mit dem Zeltaufbau. Ich ziehe das noch unbenutzte Zelt aus dem Sack und denke kurz darüber nach, dass ich es ja mal probeweise Zuhause hätte aufbauen können. Hätte! Nach und nach kriege ich es irgendwie aufgestellt, auch wenn sicherlich nich perfekt. Als es so vor mir steht, muss ich kurz schlucken. Verdammt! So ein 1-Personen-Zelt ist verdammt klein! Der Nieselregen wird stärker und schnell versuche ich meine Habseligkeiten in dem kleinen Schlauch unterzubringen.
Poldi wird es wohl auch zu nass, denn der Kleine macht sich direkt mal im Zelt auf der Iosmatte breit. Na das wird ja eine kuschlige Nacht! Ich krieche hinterher und fühle mich wie in einem Kokon. An meinen Kopf liegt das Monster, zu meinen Füßen Poldis Rucksack und ein paar Packsäcke, Poldi hat sich neben mich gequetscht und so kann ich mich kaum rühren. So liege ich einen längeren Augenblick einfach nur da, lausche dem Prasseln des Regens auf der Zeltwand, hoffe nicht in der Nacht baden zu gehen und bewege mich keinen Zentimeter. Während ich so da liege, spüre ich immer noch wie der Rucksack an Schultern und Hüfte zieht. Phantomschmerzen, schließlich habe ich das Monster bereits vor einiger Zeit abgesetzt.
Nach einiger Zeit raffe ich mich endlich auf, sammle ein paar Sachen zusammen und gehe zu den Duschen. Erfolglos suche ich einen Lichtschalter. Wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, ist kein Licht ja vielleicht ganz gut. Ich packe meinen Kulturbeutel aus und spätestens jetzt wird mir klar, warum mein Rucksack wohl etwas schwer ist. So eine elektrische Zahnbürste, Duschgel und Shampoo, Zahnpasta, Sonnencreme und Wattestäbchen für über zwei Wochen, wollen halt auch getragen werden. Wie war das mit den Fehlern gleich nochmal? Ich könnte mich Ohrfeigen so viel Kram mitzuschleppen. Wegschmeißen will ich die Sachen aber eigentlich auch nicht. Sich jetzt darüber aufzuregen hilft  nichts, denke ich mir. Also werfe ich den Euro in den Duschautomat und stelle mich in die Kabine. Literweise eiskaltes Wasser strömt aus dem Duschkopf. Die Zeit vergeht und langsam wird das Wasser wärmer. Von heiß kann aber leider keine Rede sein. Also stelle ich mich zitternd, nach dem Zeltaufbau im Regen, unter das lauwarme Wasser und wasche den Dreck des Tages ab. Dann werden die verschiedenen Wunden verarztet. Fiese Druckstellen und kleine offene Wunden haben sich an Hüfte und Schultern über den Tag entwickelt. Großzügig verteile ich die Salbe, klebe Pflaster auf die Blasen und packe meine Sachen wieder zusammen. Im Zelt kuschle ich mich in den Schlafsack, den Poldi bereits ein bisschen vorgewärmt hat und schlafe ohne Abendessen schnell ein. Auch wenn die Isomatte nicht unbedingt luxuriös ist und sich mein Körper bestimmt mehr über ein weiches Bett gefreut hätte, wäre ich auch auf dem nackten Boden eingeschlafen, so müde wie ich war. Wie und ob es morgen weitergeht, überlege ich mir dann, wenn es soweit ist.  
 

 

In aller Frühe am nächsten Morgen wache ich auch schon wieder auf, kuschle mich noch ein bisschen an den dösenden Poldi und überlege mir, wie es heute weitergehen soll. Erstmal aus dem Zelt raus. Ich krieche durch die regennasse Öffnung und komme langsam zum Stehen. Auweia! Ich fühle mich wie unsere 17jährige Hündin kurz nach dem Aufstehen, wenn die Gelenke noch steif und die Muskeln noch kalt sind. Soll ich einfach abbrechen und nach Hause fahren? Ich führe einen inneren Dialog mit mir selbst und entscheide schließlich heute etwas ruhiger zu machen und dafür morgen die Strecke voll durchzuziehen. Schnell packe ich meinen Krempel zusammen und plane auf einer trockenen Bank am Rhein meine Route.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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