Manchmal….

Manchmal bin ich einfach traurig. Einfach so. Dann starre ich aus dem Fenster und hänge meinen Gedanken nach. Es scheint eine Art jugendlicher Melancholie zu sein. Dabei bin ich dem Teenie-Alter längst entwachsen. Vielleicht ist es eine Krankheit meiner Generation. Einer Generation der Traumtänzer, die getrieben ist von der Suche nach dem eigenen Glück und der Flucht vor den Zukunftsängsten.

Wir haben alles. Und davon viel. Vor allem viele Wege. Offene Wege, die Entscheidungen bedürfen. Wir sind die, die den Lifegoals hinterherjagen. Natürlich mit dem iPhone in der Hand, den Sneakern an den Füßen und der Hornbrille auf der Nase. Top gestylt laufen wir durch das Labyrinth, welches man wohl „Leben“ nennt und versuchen dabei doch krampfhaft anders zu sein. Dabei verstricken wir uns häufig in Widersprüchen: Vegetarisch oder vegan, bio und vor allem grün wollen wir sein, während wir uns in die High-Waist-Jeans aus Kinderhänden zwängen.
Wir sind wandelnde Gegensätze, die nach sicheren Jobs und Eigenheim letzen und sich doch selbst verwirklichen wollen. Dauerhaft auf der Suche nach uns selbst und doch in einer Zwangsjacke aus Ehrgeiz und Zukunftschancen. Ja die Zukunft. Später mal, wird sich schon alles ändern, sich alles richten. Irgendwie scheinen wir nämlich trotz allem Optimisten zu sein. Ich zumindest bin einer. Die Zukunft wie einen Streif am Horizont im Blick. Das große Ziel. Und dann kommt die Angst: Viele gering bezahlte Praktika, nur befristete Stellen, Arbeitslosigkeit… Dabei verliert man hin und wieder den Blick für das „um-sich-herum“.
Ja, wir haben viele Möglichkeiten. Wir stellen uns wohl einfach etwas dumm an. Alles ist möglich. Man müsste nur zugreifen.  Und was, wenn man danebengreift? Also lieber nichts riskieren. Aber irgendwie auch doch. Die Selbstfindung darf man ja nicht vergessen. Also am besten Studieren, aber mit  großem Abstand zu Regelstudienzeit. Die schaffen schließlich nur die Lebenslaufoptimierer, die im Leben keine Freude haben. Locker Studieren, ein bisschen vor sich hindümpeln – so ließe sich das eigene Glück und die Karriere doch bestens miteinander kombinieren, oder? Wäre da nur nicht dieses schlechte Gewissen. Wir haben so viele Möglichkeiten und müssen uns aber gleichzeitig dafür rechtfertigen. Bei unseren Eltern, den Großeltern, den älteren Generationen eben, die nicht diese Fülle an Chancen hatten und von denen wir immer noch finanziell abhängig sind, obwohl wir uns doch nichts sehnlicher als Freiheit und Unabhängigkeit wünschen. Aber Freiheit muss man ertragen können, auch ohne Sicherheitsnetz.
Es geht uns gut. Vielleicht zu gut. Schwerelos scheinen wir auf der Stelle zu schweben und unsere größten Probleme mögen sein, welchen Trend wir aktuell nachahmen und wie wir diesen in Sozialen Netzwerken am besten darstellen. Und trotzdem bin ich manchmal traurig. Einfach so. An einem ganz normalen Tag. „Normal“ ist übrigens ein fürchterliches Wort. Hat man uns doch während unserer gesamten Kindheit gesagt, man sei etwas „ganz besonderes“. Wie unbesonders ich bin zeigt mir Tag für Tag meine Instagram-Timeline, die noch viel „besonderere“ Menschen parat hat. Hier leben wir einerseits unseren unablässigen Narzissmus aus und doch gleichzeitig unseren Masochismus, um den täglich Beweis dafür zu bekommen, was für ein kleiner, langweiliger Fisch in einem riesigen Ozean wir sind. Und spätestens bei dem ersten Praktikum oder dem ersten Job in einer größeren Firma, wird uns dieser Umstand schmerzlich bewusst.
Gleichzeitig sind wir die Generation, die alt genug war, um den 11. September zu erleben. Terror, Krieg, Armut, Umweltkatastrophen, -verschmutzung, Arbeitslosigkeit,  Flucht und Hunger sind allgegenwärtig. Sicherheit sieht anders aus. Kein Wunder also, dass wir vor Angst manchmal wie gelähmt sind. Diese Lähmung ist wohl auch oft mit Verdrängen gleichzusetzen, denn wie sonst ließe es sich erklären, dass wir mehr Zeit für unser äußerliches Erscheinen, denn auf Demonstrationen verbringen? Doch manchmal platzt diese Blase aus Konsumgütern und Ablenkung und dann bin ich einfach traurig. Was machen wir hier eigentlich?
Die Jagd nach dem eigenen Glück ist eine verzwickte Angelegenheit. Wir wollen bloß keine Fehler machen. Reiten ungeduldig dieser Hetzjagd hinter uns selbst her und fühlen uns gleichzeitig verfolgt. Und deswegen bin ich manchmal traurig. Ganz ohne speziellen Grund. Einfach so. Und manchmal muss man auch einfach traurig sein dürfen, auf dem ganz persönlichen Weg zum Glück und dabei melancholisch aus dem Fenster starren.
Foto: Julia Henn – Belichtungsliebe

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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