Was wirklich zählt

Beim Zugfahren kann man immer wieder die verschiedensten Gespräche belauschen. Heute Morgen waren es zwei ältere Damen, die sich über den neuen EDEKA Werbespot „heimkommen“ unterhielten und von ihren eigenen Kindern erzählten, die immer Wichtigeres zu tun haben. In ihren Worten hörte ich Verständnis, doch in ihren Stimmen vor allem Traurigkeit.
Der Spot handelt von einem alten Mann, der alleine Weihnachten feiern muss, weil seine Kinder und Enkel einfach nicht die Zeit finden, ihn zu besuchen. Statt gemeinsamen Weihnachtsessen gibt es nur Nachrichte auf dem Anrufbeantworter und Weihnachtskarten. Dann schickt er ihnen eine gefälschte Todesanzeige. Zur vermeintlichen Beerdigung reisen natürlich alle an und werden von ihrem lebendigen Vater überrascht. Es folgt ein ausgelassenes Weihnachtsfest mit vielen kulinarischen Köstlichkeiten.
Von dem Werbespot möchte man halten, was man will, doch kann man nicht verleugnen, dass er vielen erwachsenen Kindern die Tränen in die Augen treibt. Denn wenn wir mal ehrlich sind, ist es wahr: Viel zu häufig vergessen wir, was wirklich zählt.
Eine der Rentnerinnen erzählte davon, wie sehr sie sich über What’s App Sprachnachrichten ihrer Tochter freue, weil sie dann wenigstens mal ihr Stimme höre. Für ein Telefonat fehle der Tochter einfach die Zeit. Nachrichten seien so emotionslos, doch in der Stimme ihrer Tochter, könne sie hören, wie es ihr wirklich gehe und wie sie Probleme belasten würden. Die andere erklärte daraufhin, dass sie Verständnis für ihre Kinder hätte, die sich nicht regelmäßig melden würden und schon gar nicht zu Besuch kämen. Es gäbe einfach immer so viel Wichtigeres: Die Karriere, die Kinder, der Urlaub auf den Malediven. Es folgte ein längeres Schweigen.
Diesem Gespräch zu lauschen, hat mich sehr berührt und darüber nachdenken lassen, was wirklich zählt. Wir sind oft so beschäftigt mit oberflächlich wichtigen Dingen und vergessen dabei unsere Nächsten. Ich erinnere mich daran, wie ich am Grab meiner Uroma stand, auf den Sarg in der Erde blickte und plötzlich dieses Gefühl hatte. Neben dem Schmerz war da ein schlechtes Gewissen. Warum hast du sie nicht öfter besucht? Weil ich etwas Wichtigeres zu tun hatte. Und dann ist diese Person nicht mehr da und man bekommt keine Chance mehr, Zeit mit ihr zu verbringen. Nie wieder. Kein schönes Gefühl, denn man kann nie Abbitte leisten.
In dem Werbespot geht es zwar nur um Weihnachten, doch sollte es eigentlich um viel mehr gehen. Familie, Freundschaft, Liebe – wir sollten nicht nur an Geburts- und Feiertagen dafür Zeit finden. Sonst wäre es so, wie seinem Partner nur am Valentinstag eine Freude zu bereiten und den Rest vom Jahr zu pausieren. Es sind die Kleinigkeiten im Alltag, die für mich wirklich zählen: Ein kurzer Anruf, eine Postkarte, ein Blumenstrauß, eine Umarmung, ein Kuss…
Natürlich ist der Werbespot unrealistisch, übertrieben und gelungenes Marketing. Nicht alle von uns haben das Glück, ein gutes Verhältnis zu den Großeltern zu haben. Opa ist dement und erkennt niemanden, mit Oma kann man kein Gespräch führen, weil sie schlecht hört oder es nur Vorwürfe hagelt. Doch könnte der Spot Anstoß dafür sein, sich darauf zu besinnen, was wirklich zählt und sich Zeit für seine Liebsten zu nehmen.

Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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