Vom perfekten Schein

Alles ist möglich. Hol das Beste aus dir raus. Besiege deinen inneren Schweinehund. Raus aus der Komfortzone. Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das was er schon ist. Ständig sollen wir uns verändern. Verbessern. Niemals sind wir gut so, wie wir sind. Wir müssen besser, schöner, schlanker, gesünder, ausgeglichener, beliebter, modischer, sportlicher, belesener und klüger sein.

Perfekt manikürte Fingernägel, die Haare fallen in sanften Wellen, die Markenhandtasche am Arm, diese Uhr – die gerade so hipp ist – am Handgelenk, dazu noch die eleganten Boots. Natürlich keine Augenringe, keine Pölsterchen an den Hüften und die Wohnung sieht aus wie in einem Katalog. Unser Frühstück perfektioniert wie in der ach-so-perfekten Instagramwelt, beruflich erfolgreich, Detox wird so nebenbei gemacht und vor dem ersten Kaffee sind schon alle E-Mails gecheckt, der Hund ausgeführt und die Zeitung gelesen. Vor dem Schlafengehen wird noch ein literarisches Meisterwerk verschlungen, nachdem man gerade bei Bauch-Beine-Po geschwitzt hat.

 
 
Mit der Erfüllung dieser sogenannten „Lifegoals“ wird uns Glück versprochen. Dadurch entstehen Gedanken wie „Ich wäre endlich beliebter – also glücklicher – wenn ich nur diese neuen Schuhe hätte“ oder „Wenn ich doch nur schlanker wäre, wäre mein Leben schöner“ in unseren Köpfen. Die Sozialen Netzwerke machen es uns vor. Im Vergleich zu den Bildern dort, erscheint unser eigenes Leben banal, unperfekt, schmuddelig, faul und langweilig. Das perfekte Leben der anderen wird einem geradezu unter die Schnauze gerieben. Man versucht diese präsentierte Welt nachzuahmen. Ein Wettbewerb beginnt. Ein Wettbewerb gegen eine perfekt inszenierte Illusion. Doch nicht nur die gefilterten Bilder auf Instagram suggerieren uns, wir seien fade, faul und farblos. Auch Frauenmagazine, Lifestyleheftchen, Facebook, Blogger und die Tussi neben mir in der Vorlesung, die unverschämt gut aussieht und auf jede Frage des Professors antworten kann, führen uns unsere Schwächen immer wieder vor Augen.
 
Als ich mir endlich eine Daniel Wellington Uhr leisten konnte und sie dann in meinen Händen lag, war ich glücklich. Ich wollte sie unbedingt haben. Hatte sie auf so vielen Bildern gesehen. Ich dachte irgendwie sie würde mir den letzten Schliff verleihen. Mich besser machen. Diese Uhr war die Erfüllung meiner Träume. Das Glück hielt. Allerdings nur kurz. Denn in Wirklichkeit hat mich diese Uhr nicht vervollständigt, mich nicht besser gemacht. Und so ging ich weiter auf die Suche: Diese Schuhe, dieser eine Nagellack, der perfekt zu meinem Teint passt, dieser Schal, diese Jacke, diese Handtasche… Man will immer mehr, um diesen kurzen Augenblick der Befriedigung zu spüren. Verkürzt man die Zeit zwischen diesen Augenblicken, so verschließt man sein Gehirn. Man verschließt es für die Gedanken, die einem klar machen könnten, dass dieser Konsum nicht zu Glück führt, mich nicht besser, toller, schöner macht und man auch gut ohne – in diesem Fall – diese Uhr leben könnte.
Doch langsam wird mir klar, dass der äußerliche Zwang zur Verbesserung des eigenen „Ichs“ stark verknüpft ist mit Anerkennung und schließlich mit Konsum. Beides führt tatsächlich zu Glück. Aber eben nur kurz. Und so hetzen wir einer verbesserten Version von uns selbst hinterher, über Stock und Stein, verprassen unser Geld, auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Oder vielmehr nach einer Illusion. Einem scheinbar perfekten Schein. Doch es ist und bleibt Schein, weniger Sein. Diese „Alles-ist-möglich-Lüge“ lässt uns durch das Leben galoppieren. Andere schaffen es doch auch, denkt man dann. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass wir härter an uns arbeiten müssen, um immer das Beste aus uns herauszuholen. Ganz nach „If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you“. Und so hetzen wir von der Uni zur Arbeit, zum Sport, dekorieren, perfektionieren, inszenieren unser Leben.
 
Die Lösung? Alles verkaufen, nur das Nötigste behalten und auf einer Alm Kühe hüten. Für die wenigsten wäre dies eine wirkliche Alternative. Sein Leben völlig hinter sich zu lassen und sich von Konsum, Anerkennung und sogenannten „Lifegoals“ loszulösen, ist in meinen Augen nicht die richtige Lösung, auch wenn ich Menschen bewundere, die diesen Weg gegangen sind. Der erste Schritt liegt vielmehr in der Erkenntnis, dass uns eine neue Designerhandtasche, der teure rote Nagellack und diese trendige Jacke nicht wirklich glücklich machen. Wir müssen lernen uns zu akzeptieren, wie wir sind. Auch wenn „Liebe dich selbst“ etwas schräg und nach Esoterik klingt, so ist doch viel Wahres dran. Ich will damit nich sagen, man solle sich keinen Herausforderungen mehr stellen, anfangen Joggen zu gehen oder informierter und belesener zu werden. Vielmehr will ich verdeutlichen, dass wir es für uns selbst tun sollten. Nicht für andere, nicht für die Anerkennung und nicht, weil uns eine Instagramwelt, die neue Frauen- oder Modezeitschrift oder das Fernsehen es uns sagt. Macht es mich glücklicher, wenn andere neidisch auf mein Leben sind? Sollte ich mir nicht ernsthafte Gedanken über mich selbst machen, wenn mir die Anerkennung und Meinung anderer so wichtig ist? Will ich ein Leben, dass mehr Schein als Sein ist? Ein Leben in dem ich nach außen hin nahezu perfekt, top gestylt, gebildet und schlank aussehe, aber innerlich völlig verwahrlost bin? Will ich falsch sein? Sollte ein Leben nicht nach außen hin auch so aussehen, wie es wirklich ist? Möchte ich der Mensch mit der Fassade sein, der keine Schwächen – oder vielmehr die verdammte Realität – zeigen kann?
Die Frage ist also: Was macht mich – MICH!!! – wirklich glücklich? Wir müssen lernen unser eigenes Glück von dem vermeintlichen, inszenierten Glück abzugrenzen, welches uns nahezu täglich präsentiert wird. Ich muss mich nicht ständig verbessern. Meine „Lifegoals“ können und dürfen anders sein.
Ich bin ich. Ich bin wirklich. Ich bin Sein. Und das ist gut so!
 
 
Bilder: Gerald Pfeifer

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s