Zeitgeist – von digitaler Nähe Analoger Entfremdung

Das Internet, Soziale Netzwerke, Mobile Apps bringen uns zusammen. Zumindest virtuell. Im wahren Leben – der Realität – tut sich dagegen eine Kluft auf. Jason Reitmans neuer Film hält uns den Spiegel vor und zeigt unser Verhältnis zu der digitalen Welt, die von digitaler Nähe und analoger Entfremdung geprägt ist.

Masturbieren ohne pornografische Websites? Das ist für Don Truby nicht mehr möglich. Die Qualität und Vielfalt des Internets haben sein Gehirn unbrauchbar gemacht und jegliche sexuelle Fantasie zerstört. Um ihre Tochter Brandy vor den Gefahren des Internets zu beschützen kontrolliert Patricia Beltmeyer alle virtuellen Aktivitäten, Nachrichten und Verläufe. Joan Clint dagegen stellt Fotos ihrer Tochter in schlüpfrigen Posen ins Netz.
Der Film beruht auf  Chad Kultgens Roman „Men, Women and Children“. Der in den USA gefeierte Bestseller behandelt die Liebes- und Familiengeschichten aus einer amerikanischen Vorstadt in unserem digitalen Zeitalter. Für den Film engagierte Reitman ein paar hochkarätige Schauspieler wie Adam Sandler, Jennifer Garner, Judy Greer, Kaitlyn Dever und Ansel Elgot
In der Verfilmung schwenkt die Handlung zwischen acht Familien hin und her und zeigt ihr Schicksal und Probleme: Eine unglückliche Ehe, einen Footballstar der lieber in der virtuellen Welt eines Computerspiels als auf dem Feld spielt, ein Teenager, der ohne Pornos keinen Steifen kriegen kann sowie Magersucht und die Suche nach Ruhm. Es sind alles typische Leben in einer normalen Welt, wenn auch der Begriff Normalität in einer Zeit, in dem das Leben mehr und mehr virtuell stattfindet, irreführend ist.
 
Bild: #Zeitgeist – Von Digitaler Nähe, & Analoger Entfremdung
 
Die Handlung wird wie in einem Dokumentarfilm erzählt, was Distanz schafft. Gleichzeitig erzeugen die bewegten Bilder, das Aufleuchten neuer SMS in Sprechblasen über den Köpfen der Jugendlichen und die warmherzigen Charaktere Nähe zum Zuschauer. Die Alltagsszenen wirken echt und authentisch. Man leidet mit und ist doch irgendwie ein Beobachter.
Die Botschaft des Films wird wunderschön inszeniert: Das Internet kann einen Kuss im echten Leben einfach nicht ersetzen. Zwar nicht besonders originell, jedoch sehr ausdrucksstark präsentiert. Reitmann machte nicht den Fehler in „Zeitgeist“ das Internet und Soziale Netzwerke zu verteufeln. So spielt Jennifer Garner als neurotische Mutter, die mit ihrem Internet-Kontrollzwang das Liebesglück ihrer Tochter beinahe zerstört, die unsympathischste Rolle. Es ist keine Warnung so wie der Film „Disconnect“, sondern vielmehr ein Spiegel, eine Art Momentaufnahme. Zugegeben mit wehmütigen Momenten. Wie zum Beispiel in der Szene als Don Trupp die Onlinepornoseiten im Verlauf des Computers seines Sohnes entdeckt und melancholisch daran zurückdenkt, wie er selbst als Teenager die Heftchen seines Vaters in der Garage fand.
Kurz vor Ende wird die Handlung auf die Spitze getrieben – eine Art Worst-Case-Szenario. Diese überspitzte Darstellung unserer digitalen Gesellschaft rüttelt wach und lässt den Zuschauer nachdenklich zurück, über die Macht und gleichzeitig Vorteile von virtuellen Nachrichten und Internet.
Der Film trifft präzise den Zeitgeist und ist absolut sehenswert.

Bild: #Zeitgeist – Von Digitaler Nähe, & Analoger Entfremdung

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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