Andere Kultur – andere Sitten in Sibirien

„Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen anderen Vorurteilen auf“, schrieb schon Oscar Wilde. Man lernt andere Kulturen, ihre Sitten und Bräuche kennen, wenn man ein anderes Land besucht. Einige von ihnen lassen uns die Augenbrauen hochziehen und versetzen uns in Erstaunen. Andere verändern unsere alten Vorstellungen und erweitern unseren Horizont. In der sibirischen Stadt Tomsk prasselten die verschiedensten Eindrücke auf mich herein. Ein paar von ihnen habe ich versucht in Worte zu fassen.

Toilettenpapier im Mülleimer

Auf den Toiletten benutztes Klopapier kommt nicht in den Keramiksitz, sondern in einen daneben stehenden Mülleimer. Dies soll die Abwasserleitungen entlasten. Außerdem seien die Rohre zu schmal. Hält man sich nicht daran, könnte die Toilette verstopfen, was verdammt peinlich wäre. Einerseits finde ich es sehr ungewöhnlich und auch etwas unhygienisch, andererseits ist es eigentlich umweltschonender und nicht nur in Sibirien Gang und Gebe.

Fleisch, Kartoffelbrei und schwarzer Tee

 
In den lediglich zehn Tagen konnte ich natürlich nicht die gesamte Fülle an russischer Küche kennenlernen. Ein paar Dinge fielen jedoch deutlich auf. Während der Zeit im Sanatorium, waren die Mahlzeiten vor allem geprägt durch Kartoffelbrei, Fleisch, Kraut und wenig Vitaminen. Fleisch gab es nahezu zu jeder Mahlzeit.  Als Vegetarier war man hier eine eher Seltenheit. Kartoffelbrei mit Kraut am frühen Morgen, war nicht wirklich mein Fall. In den vielen Restaurants in Tomsk konnte dann jedoch richtig geschlemmt werden: Salat, Gemüse, Haferbrei und süße Kleinigkeiten. Knoblauch, Zucchini, Kartoffeln, eine Art Feta-Käse, waren besonders häufig vertreten. Nach einer großen Auswahl an verschiedenen Teesorten, suchte man in den meisten Restaurants vergeblich. Schwarz oder grün war hier die Devise. 
 
 
„Kascha“schmeckte mir zum Frühstück besonders gut. Für den Brei gibt es viele verschiedene Rezepte, doch kann man ihn als eine Art Porridge mit Weizengriess/ Buchweizen statt Haferflocken beschreiben. Hin und wieder wird er noch mit Milchreis verfeinert. Als Topping gibt es Butter oder Rote Grütze.

Kein Lächeln

Begegnete man sich im Treppenhaus des Kurhaus „Blauer Fels“ oder auf der Straße grüßte man sich nicht. Kein Lächeln, kein Kopfnicken, kein freundliches „Hallo“. Maximal einen prüfenden Blick. Häufig wird man einfach ignoriert. Die Menschen wirken daher sehr verschlossen. In der großen Stadt Tomsk fiel mir dies auch in Restaurants auf. Sei es beim Warten an der Toilette, draußen beim Rauchen oder an der Kasse im Supermarkt. Andererseits sind die Menschen hinter ihrer Fassade sehr hilfsbereit und interessiert. So zum Beispiel als ich am Straßenrand Wollsocken gekauft habe und die ältere Dame meine russisch-sprechende Begleitung in ein Gespräch verwickelte. Oder als wir etwas hilflos im Bus standen und nicht wussten, wo wir aussteigen sollten. Ein besonders schönes Erlebnis, war ein Abend in einem georgischen Restaurant in Tomsk. Motiviert durch die Live-Musik tanzten Deutsche, Polen, Russen und Georgier letztlich ausgelassen auf der Tanzfläche. Kultureller Austausch funktioniert eben auch ganz ohne Worte.

 

Statt Handtasche Plastiktüte

Während die Frauen in Deutschland ihr halbes Leben in die Handtasche packen und so mehrere Kilos mit sich rumschleppen, fiel mir besonders im Sanatorium auf, dass die älteren Damen keinerlei Handtaschen bei sich tragen. Ihre Habseligkeiten packen sie in eine Plastiktüte. In Tomsk selbst wurden die Plastiktüten häufig mit winzigen Handtaschen kombiniert. So vielen mir mehrmals Studentinnen auf, die ihr Smartphone und Geldbeutel in einer kleinen Umhängetasche trugen, Unibücher und Collegeblock jedoch in einer Plastiktüte mit sich rumtrugen.

 

Essen mit Gabel, Löffel und den Händen

 
Messer werden hier beim Essen eigentlich kaum benutzt. Im Sanatorium werden sie nichtmal mit eingedeckt, sondern liegen am Rand des Tisches.

Öffentlicher Nahverkehr

Während in Deutschland ein großes „H“ Bushaltestellen kennzeichnen, sucht man in Tomsk als Tourist vergeblich. Auf den ersten Blick erkennt man hier nur schwer, ob hier ein Bus hält und schon gar nicht, welcher Bus. Lediglich an kleineren wartenden Menschengruppen, erahnt man die Haltestelle. Im Bus selbst gibt es häufig eine ältere Frau, die die Fahrkarten verkauft. Beeindruckend fand ich, dass man bei vielen Mitfahrern sein Geld einfach nach vorne durchgeben lässt und es tatsächlich dort ankommt.

Anonymer Briefkasten

Abgesehen von der häufig vollkommen willkürlichen Nummerierung der Häuser, sucht man nach Namen an Briefkästen vergeblich. Da kann man vor den Postboten nur den Hut ziehen und sollte sich selbst unbedingt die App 2Gis zulegen, um sich in der Stadt orientieren zu können.
 
 
 
Abseits von der Berichterstattung in Deutschland über Russland, durfte ich Sibirien ganz persönlich kennen und lieben lernen. Mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, Menschen zu beobachten und mit ihnen in Kontakt zu kommen, gibt einem so viel mehr. Von diesen Erlebnissen werde ich mein ganzes Leben zehren können und mich weiterentwickeln.
 

Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s