Sibirien – Sonnenschein, hohe Zäune und Holzhäuser

Sibirien steht für Frost, Taiga, Kälte und Grausamkeit. Das „schlafende Land“ war das weltweit größte Gefängnis für Kriminelle, Revolutionäre und Dissidenten. Heute gibt es noch immer unberührte Gebiete in Tundra und Taiga, große Reichtümer an Bodenschätzen, demgegenüber jedoch auch industrielle Zivilisationen, riesige Metropolen und Universitäten. Und hier werde ich nun die nächsten 10 Tage gemeinsam mit polnisch-russisch-deutschen Studenten verbringen, über urbanen Wandel sprechen und schreiben, schreiben, schreiben.

Nachdem wir heute Morgen an dem kleinen Flughafen in Tomsk landeten, wurden wir mit Taxis zu unserer Bleibe für die kommenden 4 Tage gefahren: Dem Sanatorium „Blauer Fels“. Während der ziemlich rasanten Autofahrt, saugten die Sinne alles um einen herum auf. Besonders die Augen hatten viel zu tun: Die huschten von rechts nach links und wieder zurück und versuchten alles in sich einzusaugen. Begleitet von Birkenwäldern erreichten wir schließlich das Kurhaus. Wo andere sich massieren lassen, gesund werden und Bahnen im Schwimmbad ziehen, werden wir uns gegenseitig kennenlernen und die ersten thematischen Einheiten rund um das Thema „Stadt“ machen.

 

Sibirien – weites, wildes Land

„Sibirien ist eine Festung, die schützt, eine Vorratskammer, die man bei Bedarf öffnen kann, ein Schild, das jedem Schlag widersteht und ein Ruhmesblatt, dessen Glanz noch vor uns liegt.“ – Valentin Rasputin
Das Land zwischen Ural und Pazifik gehört zur Russischen Föderation. Von der Fläche her, ist Sibirien schon fast ein Kontinent für sich: Über 7000 km Ausdehnung zwischen Ost und West sowie eine über 3500 km lange Nord-Süd-Achse. Der Zwangsarbeit stand der Geist von Freiheit gegenüber. Ein Hauch vom Wilden Osten eben.

 

Erkundungstour

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen der Anreise: Erstmal ankommen, Jetlag bekämpfen und sich mit der Umgebung vertraut machen. Auf den ersten Blick wirkte das Sanatorium etwas befremdlich auf mich und ich dachte „Wo bin ich denn hier hingekommen?“ Das Kurhaus besteht aus mehreren Gebäuden, zwischen denen kleine Waldstücke liegen. Alles ist irgendwie bunt – selbst die Mülleimer – und doch irgendwie grau und kaputt. Eine interessante Mischung. Die Häuser selbst sind ein kleines Labyrinth aus Fluren, Treppen und Türen. Verlaufen werde ich mich jedoch nicht (bis jetzt). Die Zimmertüren sind wahrscheinlich so leicht zu knacken als wäre überhaupt kein Schloss drin und die Einrichtung ist einfach und bunt zusammengewürfelt. Reisen nah an den Menschen, kann ich da nur sagen. Und inzwischen fühle ich mich ganz wohl, auch wenn ich meine Wertsachen erstmal mit mir rumtragen werde. Am Vormittag kam dann auch die polnische Gruppe in Tomsk an. Die Teilnehmer aus Russland selbst werden bis spätestens Morgenvormittag nach und nach ankommen.
Nach dem Mittagessen – bei dem ich als Vegetarier etwas in die Röhre gucke –  haben wir als ganze Gruppe einen kleinen Spaziergang gemacht und die Gegend erkundet. Zunächst ging es über eine ächzende und sehr lange Holztreppe runter zum Fluss Tom’.

 

Von hier aus gingen wir weiter zu dem kleinen Dorf коларово. Halbfertig gebaute, zusammengestückelte, verfallende Häuser aus Holz, Stein oder Metall prägen das Bild ebenso, wie hohe, blickdichte Zäune. Hundegebell, Rauch, Staub, Stromleitungen über der Erde und alte Autos hätten fast schon die Klischees und Vorstellungen über Sibirien bestätigt, doch leuchtete der blaue Himmel, blühten bunte Blumen und wärmte die Sonne. An der einen Ecke sitzt eine typische Babuschka mit Kopftuch am Straßenrand hinter ihrem Gemüse, während gegenüber ein massiver Neubau hochgezogen wird. Aktuell würde ich Sibirien als Land der Gegensätze bezeichnen. Mal sehen, wie sich dieses Urteil während meiner Zeit hier noch verändern wird.

 

Als wir eine kleine orthodoxe Kirche von außen betrachteten, lud uns der Priester spontan ein und berichtete stolz von der Geschichte der 1799 erbauten Kirche. Er erzählte davon, dass die Kirche schon ein Gefängnis, Grab und sogar eine Disco gewesen sein soll.
Rund um Dorf und Sanatorium gibt es kleine Einkaufsmöglichkeiten. Hier wird man noch bedient. Eine gute Gelegenheit aus meiner Komfortzone herauszukommen und ein paar Sätze russisch zu sprech… äh stottern.
Morgen nach dem Mittagessen beginnt also die Thematik. Heute Abend haben wir Mappen mit Infos rund um Tomsk bekommen. Mal abwarten, was wir alles erfahren werden.

Verfasst von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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