Der Kunde ist König – Eine Art Gesellschaftskritik

Kellnern, das ist leicht verdientes Geld. Ein bisschen Dekoltee zeigen, den Gast zuvorkommend und freundlich behandeln und schon fließt das Trinkgeld. Essen raustragen und Getränke machen kann ja schließlich jeder. Und da dieser Job so einfach ist, muss man sich als Gast auch nicht benehmen. Der Kunde ist schließlich König. 



Seit fast sieben Jahren verdiene ich mir nebenbei mein Geld als Kellnerin und habe dabei schon so einiges erlebt. Ich liebe meinen Job. Eigentlich. Ich liebe es, wenn es richtig brummt, ich verschiedene Dinge gleichzeitig koordinieren muss und mir die Hacken abrenne, um meine Gäste zufriedenzustellen und glücklich zu machen. 

Doch Kellnern ist kein leichter Job. Man hetzt von Tisch zu Tisch, soll immer nett und freundlich sein, ganz egal wie herablassend man teilweise behandelt wird, währenddessen verdurstet und verhungert man, weil man für sich selbst keine Zeit hat, arbeitet an Feiertagen und oft bis spät in die Nacht. 

Gäste als Abbild der Gesellschaft

In der Gastronomie zeigt sich das Verhalten der Gesellschaft. Unter meinen Gästen sind Rentner, ebenso wie Arbeitslose und Geschäftsmänner, Hausfrauen und Studenten. Seit einiger Zeit zeichnet sich hier leider vermehrt ein negatives Bild ab. 

Da sind die Kinder, die von ihren Eltern immer häufiger mit elektronischen Geräten wie Smartphone und Tablet ruhig gestellt werden. Wobei diese definitiv alles andere als ruhig sind. Es gibt Geschrei, weil das Spiel ohne WLAN nicht so spannend ist wie Zuhause. Sie brüllen rum, reißen einem den Teller aus der Hand, veranstalten eine riesige Sauerei und halten mich als Kellnerin auf Trab. Und die Eltern? Denen ist das nicht einmal mehr peinlich, wenn ihre Sprösslinge nicht mit Messer und Gabel essen können, die Futterluke beim Kauen weit geöffnet haben und den Ketchup auf dem ganzen Tisch verteilen. Die Kellnerin soll ja anschließend was zu tun haben, damit sie bloß nicht Langeweile bekommt. Es gibt auch solche Fälle, in denen die Kinder das Restaurant als ihren persönlichen Spielplatz ansehen. Durch den Gastraum rennen – Kein Problem, ich hab ja nur ein volles Tablett in der Hand – und sich an der Innenrichtung vergreifen. Das Spielen mit Deko und Interieur gehört ja schließlich zum Essen dazu und ist im Preis inbegriffen. Nur zur Sicherheit: Ich halte gerade mal wieder ein riesiges Sarkasmus-Schild in die Höhe. 

Leben im Überfluss

Ebenfalls an den Kindern zeigt sich immer wieder, der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln in Deutschland. „Der schafft das“, habe ich noch im Kopf als ich das Schnitzel und die Pommes vom Teller in die Abfalltonne kratze. Und wie toll der die Portion, die einen Erwachsenen satt macht, geschafft hat. Nicht. Und die Kinder, die zwei Schnitzel, einen Beilagensalat und die Portion Pommes aufgegessen haben, tun mir in der Regel einfach nur leid. Sie sind schwer übergewichtig und werden in ihrem späteren Leben oftmals Probleme im gesundheitlichen und sozialen Bereich bekommen. Die Eltern bestellen währenddessen noch eine große Cola für den Nachwuchs nach. Prost! 

Von Plastiktüten bei Essen zum Mitnehmen, will ich eigentlich gar nicht sprechen. Doch scheint es eine derartige Selbstverständlichkeit zu sein, selbst eine kleine Tüte Pommes, die man definitiv in der Hand tragen könnte, wiederum in Plastik einzupacken. Über die Umwelt muss man sich ja keine Gedanken machen… 

Besonders oft ärgert mich der Umgang mit fremden Eigentum. Hier wird ein Rucksack in das frisch gepflanzte Beet geschmissen, die Kippen landen auf dem Boden und die Deko aus der Toilette wird geklaut. Was nicht mir gehört, kann ich schließlich behandeln wie ich möchte. Denn ich bin ja der König. Lange Finger bekommen so manche Gäste leider öfter. Dies gilt für die Tischdekoration bei größeren Feiern und hin und wieder auch mal bei so manchen Gläsern. 

Ungeduld und Unverschämtheit

Ich kann sehr gut 3 Teller oder 2 Teller und 2 Beilagenschälchen gleichzeitig mit meinen Händen balancieren. Reicht den meisten Gästen leider nicht. Kaum kommt man voll bepackt am Tisch an, heißt es: „Ich hatte noch Pommes bestellt.“ Soll ich die auf dem Kopf balancieren? Die meisten sehen nicht oder wollen vielmehr nicht sehen, dass man nur zwei Hände hat. Und wenn man dann mal einen schlechten Tag hat – Ja, ich bin leider auch nur ein Mensch und kein dauernd lächelnder Roboter – und dies auch so sagt, schauen sie pikiert drein. So eine unverschämte Kellnerin! 

Bei voll besetzten Tischen kann man sich noch so sehr die Hacken abrennen, auch bei 38 Grad im Sommer, wenn das Pils nicht nach 10 Minuten da ist, flippen viele Gäste aus. „Ich bin schon halb verdurstet“, betonen sie zornig, als man es nach einer Viertelstunde auf den Tisch stellt. Während sie sich ihren frisch gefüllten Bauch kratzen und den Sommerabend genießen, haben viele häufig keinen Blick dafür was um sie herum geschieht. Da bemerken sie auch nicht, wenn man nach fünf Stunden Rennerei in der Hitze neben ihrem Tisch zusammenklappt, weil man keine Zeit hatte was zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen, um sie so schnell wie möglich satt und glücklich zu machen. Da wird dann auch schon mal aus dem Biergarten heraus auf dem Festnetzanschluss angerufen und gefragt ob man hier noch bedient werde. Danke für die Erinnerung! 

Nur noch den Kopf schütteln, kann ich bei den Gästen, die während dem Abräumen sagen, das Essen habe nicht geschmeckt, während ihr Teller jedoch beweist, dass sie alles aufgegessen haben. So schlimm kann es ja dann nicht gewesen sein. Im Nachhinein zu meckern, ist aber wohl einfach leichter. Wenn ich ihnen dann sage, dass ich ihnen etwas Neues gebracht hätte, tun sie es mit einer Handbewegung ab. Man kann es ja mal versuchen. 

Für richtig Stress sorgen hin und wieder gerne Gäste, die selbst nicht so genau wissen was sie wollen. So geht man zum Beispiel an einen Tisch und fragt, ob noch was gebraucht werde. „Könnte ich noch Salz haben?“ Selbstverständlich. Man flitzt los, stellt die Salzmühle auf den Tisch…Und dann: „Ach Pfeffer bräuchte ich auch noch.“ Naja, so behalte ich wenigstens meinen Knackarsch denke ich mir und flitze wieder los. Im Normalfall denkt man jedoch für seine Gäste mit und bringt ihnen auch die Sachen, an die sie selbst noch gar nicht gedacht haben. Daneben gibt es auch die Fälle, bei denen man an den Tisch kommt und sich nach Getränken erkundigt. In der Regel bestellen ein oder zwei ihr nächstes Getränk. Da mal als Kellnerin ein waches Auge hat, fällt einem auch das fast leere Glas eines weiteren Gastes an dem Tisch in den Blick. Man spricht ihn direkt an und erhält „Nein, ich hab noch.“ Der Witz: Bringt man nach fünf Minuten die bestellten Getränke an den Tisch, meldet sich genau dieser Gast „Ach ich hätte dann doch noch gerne eine Cola.“ Und wieder denke ich an meinen Knackarsch. 

Ich könnte noch so viele Beispiele erzählen, doch soll es hiermit für heute gut sein. 

Kellner sind auch nur Menschen 

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Kellner machen Fehler, vergessen was und sind mit ihren Gedanken auch mal woanders. Sie sind Menschen. Irgendwann erschöpft. Nicht perfekt. Ein Kopf ist irgendwann voll. 
Ich danke all den Gästen, die verständnisvoll sind, immer ein nettes Wort auf den Lippen haben und auch mal mitkriegen, wie oft ein Kellner hin und her rennt, dabei nie mit leeren Händen geht, zig Bestellungen per Zuruf aufnimmt, sich keine Pause gönnt und sich auch bei 10Cent Trinkgeld ehrlich bedankt. Durch sie, liebe ich meinen Job. Aufgrund der anderen, muss ich lernen, die Dinge nicht zu nah an mich ranzulassen, meinen wahre Meinung zu verstecken und die Wut runterzuschlucken. 

Und zum Schluss…

noch ein paar Worte zum Trinkgeldstreit. Ja, inzwischen gibt es den Mindestlohn und das Trinkgeld sollte nicht wie in den USA den Lohn sichern müssen. Warum also Trinkgeld geben?!
Was viele jedoch vergessen ist, dass ich als Servicekraft weder Urlaubs-, noch Weihnachtsgeld, Lohnersatz bei Krankmeldung oder Nachtzuschlag bekomme. Mal werde ich nach zwei Stunden wieder nach Hause geschickt, weil einfach nichts los ist oder ich arbeite mehrere Stunden länger als meine Schicht dauert, obwohl ich am nächsten Tag früh zur Uni muss. Feste Pausenzeiten sind in der Gastronomie daneben häufig nicht umsetzbar. Da reicht es zum Teil nicht mal dafür, um aufs Klo zu gehen. 
Ich selbst gebe auch als „arme“ Studentin immer Trinkgeld, weil ich weiß, was es heißt im Dienstleistungssektor zu arbeiten. 
Außerdem bedeutet Trinkgeld für mich, eine Wertschätzung besonders guter Arbeit. 






Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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