Lebensmittelverschwendung – Sind wir moralisch verpflichtetzu „fairantwortlichem“ Konsum? (Teil 1)

Essen und Trinken ist für alle Lebewesen eine essentielle Notwendigkeit. Es bedeutet aber noch viel mehr: Kultur, Lifestyle, Ritus und Vorstellung von Schönheit und Gesundheit. „In den modernen westlichen Gesellschaften ist daraus auch ein riesiger Markt geworden.“ Mit der Entwicklung der Lebensmittelindustrie wurde aus dem Luxus scheinbar ein Allgemeingut.

Die Regale in den Supermärkten sind stets gefüllt, unser Gemüse ist normgeprägt, in Plastik eingeschweißt und wir essen nicht mehr nur um satt zu werden. Auf der anderen Seite steht die rasant wachsende Weltbevölkerung, deren Ernährung ein unlösbares Problem zu sein scheint. „Es könnten fast doppelt so viele Menschen, wie zurzeit auf der Erde leben, ernährt werden. Und doch hungern mehr als eine Milliarde Menschen […].“ 

Dies schockiert besonders in Anbetracht der Ergebnisse der beiden Journalisten Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn. In dem Film „Taste the Waste“ sowie in dem Buch „Die Essensvernichter“ klären sie auf warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist.
Die Verschwendung von Lebensmitteln und in Folge auch von Lebewesen, Ressourcen, Arbeitskraft uvm. stellt für mich eine große Herausforderung unserer Zeit dar. Im folgenden soll daher in Bezug auf Lebensmittelverschwendung die Frage beantwortet werden, ob wir eine moralische Verpflichtung haben zu „fairantwortlichem“ Konsum.

 Die Dimension der Verschwendung

Während jeder sechste Mensch in den Entwicklungsländern nicht genug zu essen hat, geht rund ein Drittel der weltweit für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel verloren oder wird verschwendet. Dabei erbringt die globale Ernte etwa ein Drittel mehr, als für die kalorische Versorgung aller Menschen notwendig wäre. „Allein in den Industriestaaten landen pro Jahr 222 Millionen Tonnen Essen auf dem Müll.“ Nur rund 43% der angebauten Lebensmittel werden tatsächlich verbraucht.
„Mit unserem Essverhalten und unserer Wegwerfmentalität tragen wir erheblich zum Klimawandel bei.“ So ist die Landwirtschaft in Bezug auf die Nahrungsmittelproduktion für eine erhebliche Menge der gesamten anthropogenen Treibhausgase verantwortlich. „Zu den weltweit jährlich 49 Milliarden Tonnen von Menschen erzeugter Klimagas-Emissionen trägt jeder Deutsche mit seinem privaten Haushalt durchschnittlich elf Tonnen bei.“ In der Regel denkt man bei Treibhausgas-Emissionen in erster Linie an die Abgase seines Autos, die Ölheizung usw. Das Konsumverhalten und die Essgewohnheiten werden dabei gerne vergessen. „Dabei ist allein die globale Viehzucht schädlicher fürs Klima als der Verkehr, wie neuere Studien belegen.“ Ein Beispiel: „Der Kauf eines Kilos Rindfleisch […] belastet das Klima genauso wie eine 70-Kilometer-Spritztour mit dem Kleinwagen […]“. Laut der FAO-Studie 2006 „Der lange Schatten des Viehs“, erzeugen die weltweit 1,5 Milliarden Rinder, 1,7 Milliarden Schafe und Ziegen sowie ungezählte Schweine und zig Milliarden Hühner zusammen 18 Prozent der weltweit freigesetzten – also nicht nur durch Menschen freigesetzte – Treibhausgase mehr, als der gesamte menschliche Verkehrs- und Transportbereich zusammen. Die Viehzucht hat in der Vergangenheit deutlich zugenommen, denn der Fleischkonsum hat sich in den letzten vierzig Jahren verdoppelt. „Auf einem Drittel der weltweit verfügbaren Ackerfläche werden inzwischen Pflanzen fürs Vieh und nicht für die Ernährung des Menschen angebaut.“ Hinzuzählen muss man noch die Rodung von Wäldern zur Nutzung als Viehweiden. 
„Unsere Essgewohnheiten bewirken, dass für ihre Erzeugung und Konservierung, für ihren Transport und ihre Verpackung immer mehr Energie und Wasser verbraucht wird – wir essen Öl.“ Der direkte und indirekte Verbrauch von Wasser steigt deutlich an. Ebenso der Bodenverbrauch. 
„Das wohl tragischste Beispiel für die verheerenden Folgen unserer Lebensmittelverschwendung stellt die […] hochsubventionierte weltweite Fischerei mit ihren jährlich rund 90 Millionen Tonnen gefangenen Fischs und Meerestieren dar.“ Von diesen landen bis zu 80 % der gefischten Tiermasse als ungewollter Beifang tot, verstümmelt oder sterbend wieder im Meer. „Die größten Rückwurfquoten gibt es in europäischen und japanischen Gewässern […].“ 
Außerdem sorgen unsere Essgewohnheiten in anderen Teilen der Welt für Hunger. Zwar hat die Welt rein statistisch mehr als genug Nahrung pro Kopf zur Verfügung, dennoch müssen immer mehr Menschen hungern. „Über die Hälfte der Weltproduktion von Reis, Weizen und Mais wird Tieren verfüttert, zu Agrarsprit raffiniert oder verbrannt und als Biomasse zur Stromerzeugung genutzt.“ Dem Kampf gegen Armut und Hunger, stehen Agrartreibstoffe, Kriege, Finanzspekulationen, Überproduktion und geplante Nahrungsmittelverschwendung entgegen.

Ursachen und Gründe für die Verschwendung von Lebensmitteln

Es gibt die verschiedensten Ursachen und Gründe für die Verschwendung von Lebensmitteln. 

1. Lebensmittelproduktion und Lieferkette

Verluste werden verursacht durch Ineffizienzen bei der Ernte, Transport, Lagerung und Verarbeitung. „In Ländern mit niedrigem Einkommen gehen Lebensmittel insbesondere im ersten Teil der Lieferkette […] verloren. […] In Ländern mit mittleren und hohen Einkommen entstehen die Verluste hingegen eher am Ende der Lieferkette beim Verbraucher […].“ Die Zahlen aus verschiedenen Ländern unterscheiden sich konsequent, was darauf zurückzuführen ist, dass nationale und regionale Unterschiede in der Lebensmittelkultur, Lebensmuster, Preise, Infrastruktur etc., aber auch auf den Mangel an gemeinsamen Methoden und Definitionen bestehen.
Verantwortlich für Verluste während der Lebensmittelproduktion und der Lieferkette, sind zum Teil die häufig verfrühten Ernten unreifer Produkte, die dann verderben oder weggeworfen werden. Außerdem werden die Feldfrüchte bei der Ernte, Verladung oder Transport beschädigt oder z.B. mit Schimmel kontaminiert. Solche Verluste führen zu steigenden Produktionskosten der Erzeuger, die diese dann als Preissteigerungen auf den lokalen Märkten an die Konsumenten weitergeben. 

2. Handelspolitik 

„Eine große Rolle für die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln spielt auch der Handel.“ Im folgenden sollen ein paar Beispiele die Macht und den Einfluss der Handelspolitik auf die Lebensmittel und deren Verwendung bzw. Verschwendung verdeutlichen. 
Bereits durch die Halbwertzeit werden täglich viele intakte und gesunde Lebensmittel tonnenweise verschwendet. So setzt zum einen der Verbraucher das Mindesthaltbarkeitsdatum mit einem Verbrauchsdatum gleich.  Zum anderen sortiert der Supermarkt daraus resultierend die Waren bereits zwei Tage vor „Ablauf“ aus, weil niemand ein Produkt kauft, dass bereits am nächsten Tag angeblich verdorben ist. 
Daneben wurde 1988 durch eine EU-weite Verordnung bestimmt, dass eine Gurke gerade sein müsse. „Ähnliches wurde für 35 weitere Sorten von Obst und Gemüse erlassen.“ Hierbei ging es nicht um Gesundheit, sondern nur darum den Willen der Agrarlobby umzusetzen. „Denn das Transportgewerbe, die verarbeitende Industrie und der Einzelhandel wollten das genormte Gemüse.“ Diese einheitlichen und verbindlichen Qualitätsnormen ermöglichen zwar einen einheitlichen und europäischen Markt, jedoch auf Kosten der regionalen Vielfalt und des Geschmacks. „Diese abstruse Regulierungspraxis hielt sich über 20 Jahre lang und führte zu einer ungeheuerlichen Verschwendung von Obst, Nüssen und Feldfrüchten.“ Zwar wurde die Verordnung für 26 Erzeugnisse 2009 wieder aufgehoben, jedoch machen die Agrarwirtschaft und der Handel einfach weiter wie bisher und auch der Verbraucher hat sich an die genormten Waren gewöhnt.
Darüber hinaus wird kein Produkt in so großen Mengen weggeworfen wie das Grundnahrungsmittel Brot. Jährlich werden in Deutschland 5000.000 Tonnen Brot entsorgt. „Die Wissenschaftler weisen […] darauf hin, dass die Kosten der Überproduktion und Entsorgung auf die verkauften Waren umgelegt werden und daher einen nicht unwesentlichen Anteil des Brotpreises ausmachen.“ Der Handel begründet die Verschwendung damit, dass der Konsument angeblich zu jeder Zeit volle Regale erwarte und man deshalb so viel produziere. Wissenschaftliche Belege hierfür gibt es jedoch nicht.
Für den Hunger in vielen Teilen der Welt sorgte die Politik der Industrieländer: „Durch Agrarsubventionen […] waren die Weltmärkte mit wettbewerbsfähigen Billigprodukten gut versorgt, sodass die nationale und lokale Produktion von Nahrungsmitteln immer unattraktiver wurde. Stattdessen wurde importiert.“ In einigen Ländern schädigte dieser Import den einheimischen Produkten, weil die Preise der ausländischen Produkte meist wesentlich niedriger war. So importiert Afrika bereits einen erheblichen Anteil an Lebensmitteln und macht sich so abhängig von ausländischen Produkten. Durch Steigerung der Nahrungsmittelpreise werden Hungerkrisen verursacht: Wenn wir Millionen Tonnen Getreide für Biosprit verwenden, wirkt sich dies auf den gesamten Weltlebensmittelmarkt aus: Die Preise steigen und rufen so eine globale Knappheit in den armen Haushalten hervor. Als die Leitwährung Weizenpreis zwischen 2004 und 2010 verrückt spielte, führte dies zu einer Hungerkrise der Armen. „Der Preis für Weizen hat sich seit 2000 verdreifacht. Steigende Preise locken Spekulanten an, die daran verdienen“, während jedes Jahr etwa 8,8 Millionen Menschen an Hunger sterben. „Eine […] erstellte Studie der Hochschule Bremen mit dem Titel „Finanzmärkte als Hungerverursacher?“ schätzt, dass das Engagement der Kapitalanleger auf den Terminmärkten für Getreide im Jahr 2008 für allein 15 Prozent des beobachteten Preisanstiegs verantwortlich war.“

3. Konsumverhalten 

Das Konsumverhalten des Verbrauchers ist eine weitere Ursache für die Verschwendung von Lebensmitteln. „Auf Verbraucherebene führen häufig mangelnde Einkaufsplanung oder übertriebene Vorsicht bei Haltbarkeitsdaten zu großer Verschwendung, gepaart mit einer sorglosen Einstellung bei Verbrauchern, die sich diese Verschwendung leisten können.“ 
Zur mangelnden Einkaufsplanung gehören auch Impuls- oder Massenkäufe. So führen Werbeaktionen zu Großeinkäufen oder Käufen von Produkten, die man normalerweise nicht kaufen würde. Diese Sorglosigkeit im Hinblick auf Kaufentscheidungen hat etwas mit der Befriedigung von Bedürfnissen zu tun. So beginnt der Konsum nicht erst mit dem Kauf und der Nutzung von Waren. „Denn der Konsumprozess beginnt bereits mit der individuellen Bedürfnisentwicklung, der Bedarfsfeststellung und setzt sich fort mit der unbewussten oder bewussten Bewertung von Informationen. Es folgt die rationale oder irrationale Kaufentscheidung […].“ Mit Essen soll oberflächlich nur das Bedürfnis Hunger gestillt werden. Jedoch ist der Konsum hinsichtlich der Bedürfnisse […] auf andere Personen sozial geformt, er entwickelt sich in Abhängigkeit von individueller Sozialisation, Trends und Moden. „In der deutschen Ernährungsgeschichte sind Überfluss, Wegwerfmentalität und Fast Food ganz junge Phänomene.“ Der gute alte Tante-Emma-Laden wurde durch Supermärkte und Selbstbedienung in der Mitte der 1950er Jahre verdrängt. „Die neuen Supermärkte boten eine bis dahin nicht gekannte Vielfalt und Auswahl an Lebensmitteln an.“ Seit 1980 etabliert sich der Überfluss in Deutschland, regionale und saisonale Küche wurde ausgehebelt und die standardisierte schnelle Nahrungsaufnahme wurde zum Normalfall. 
Die Überfluss- und Wegwerfmentalität haben wir kulturell erlernt und praktizieren sie täglich. Wir greifen zu der runden, augenscheinlich perfekten Kartoffel und nicht zu der mit Wachstumsfehlern, weil sie uns suggeriert, dass sie besser, gesünder, leckerer für uns ist. 
Außerdem bedeuten Völlerei und Wegwerfen auch Macht. Es stellt sich die Frage, „ob diese Form von „Gewalt gegenüber Lebensmitteln“ nicht eigentlich eine Gewalt gegen die Natur ist und damit deren kulturelle Bewältigung“. Fraglich ist zudem, ob der Verbraucher in die Verantwortung genommen werden kann und welche Rolle Werbung und Marketing im Überfluss-Lifestyle spielen. Ist der Supermarktkunde ein willenloser Zombie, der nur auf Werbung reagiert oder trägt er Verantwortung für seine Kaufentscheidungen? Zusätzlich muss die Frage beantwortet werden, ob der Kapitalismus nicht sogar zum Konsum verpflichtet. „Beinhaltet die Pflicht zum Konsum zugleich das Gebot der raschen Vernichtung, damit wieder Neues gekauft werden kann?“ Diese Fragen werden im späteren Teil dieser Hausarbeit diskutiert, um zu beantworten, ob wir eine moralische Verantwortung haben oder nicht. 
„Ein weiterer Aspekt, warum wir mit den Lebensmitteln achtlos umgehen und sie gering schätzen, ist ihr Preis.“ So ist dieser gerade in Deutschland besonders niedrig, wenn man andere europäische Länder zum Vergleich heranzieht. „Lebensmittel von Markenherstellern sind nirgends in Europa so billig wie in Deutschland. Selbst ausländische Produkte kosten zum Teil weniger als in ihrem Herkunftsland – schuld ist der Preiskrieg deutscher Discounter.“ Die Deutschen verwenden nur zwölf Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel, während die Bevölkerung in Entwicklungsländern 40 bis 50 Prozent für Essen aufwenden muss.

(weiter geht es in Teil 2 in Kürze)

Literaturverzeichnis 
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.). Informationen zur politischen Bildung – Haushalt – Markt – Konsum. 3/2010.

Dr. Gjerris, Mickey; Dr. Gaiani. Food Waste and Consumer Ehtics. Berlin Heidelberg 2014.

Kreutzberger, Stefan; Thurn, Valentin. Die Essensvernichter. Köln 2012. 


Ott, Konrad. Umweltethik – Zur Einführung. Hamburg 2010.

Heidbrink, Ludger; Schmidt, Imke. Die neue Verantwortung der Konsumenten. In:Bundeszentrale für politische Bildung. Aus Politik und Zeitgeschichte. Konsumkultur. 32-33/ 2009. S. 27-31. 

Schilling, Thorsten in: „fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung – Thema Ernährung“, Nr. 22, 2009, S. 3.

Taylor, Paul W. Die Ethik der Achtung gegenüber der Natur. In: Angelika Krebs (Hrsg.). Naturethik. S. 111-143. Frankfurt am Main 1997.

Tvedt, Terje. Wasser – Eine Reise in die Zukunft. Bonn 2013. 

Weingärtner, Lioba; Trentmann, Claudia; Deutsche Welthungerhilfe e.V. (Hrsg.). Handbuch Welternährung. Bonn 2011. 

Weber, Birgit. Konsum in der sozialen Marktwirtschaft. In: Informationen zur politischen Bildung. 3/2010. S. 46-57.

White Jr., Lynn Die historischen Ursachen unserer ökologischen Krise. In: Michael Lohmann (Hrsg.). Gefährdete Zukunft. Prognosen angloamerikanischer Wissenschaftler. S. 20-28. München 1970.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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