Wie schmerzhaft darf ein Streik sein?

Ich saß in der Vorlesung, als die Studenten anfingen ihren Sitznachbarn anzutippen, ihm ein Handy vor die Nase hielten und entsetzt den Kopf schüttelten. Was war da los? Kurz darauf erhielt ich in Whatsapp die ersten Nachrichten mit Links bzw. Screenshots: „Die GDL kündigt weiteren Streik an“.
„Ernsthaft?“ oder „Nicht schon wieder!“ waren meine ersten Reaktionen. Direkt kamen mir die Erinnerungen des letzten Streiks in den Kopf: Am Bahnhof stehen. Warten. DB-App stalken. Warten. Früher aus dem Seminar gehen, um ja den Zug noch zu kriegen. Verspätungen. Genervte Pendler am Hauptbahnhof. Warten.

Ich pendle nun seit fast drei Jahren nahezu täglich 60 Minuten zur Uni und habe schon so einiges Mal unter der Bahn gelitten. Sie ist mein Zeitfresser Nummer 1. Hier mal 5 Minuten Verspätung, da eine Signalstörung und dort ein Triebwerkschaden… Man versucht die Zeit zwar irgendwie effektiv mit Lesen oder manchmal auch einfach schlafend zu verbringen, aber wenn man im Winter eine Stunde in der Kälte auf den verspäteten Zug warten musste, Verwandte und Freunde einen häufiger irgendwo einsammeln mussten, man sich im Sommer vor Schwitzen nahezu halbierte… dann ist man zwar einerseits abgehärtet, aber häufig auch einfach genervt. Verlorene Lebenszeit. 
Als ich heute die Sozialen Netzwerke durchsah, fand ich ganz verschiedene Ansichten und Meinung zum 9. Streik der GDL. Darunter in einem Artikel des FOCUS ONLINE folgendes Zitat von Wolfgang Kubicki:

„Der erneute Streik der Bahn ist ärgerlich und für viele Bahnkunden auch unverständlich. Aber das ist die Folge der grundgesetzlich garantierten Koalitionsfreiheit. Ein Streik, der nicht weh tut, taugt nichts. Es ist an der Bahn, hierauf angemessen zu reagieren. Entweder mit einem vernünftigen Angebot oder aber mit einer Anrufung der Gerichte. Gewerkschaftsbashing jedenfalls ist keine Lösung.“


Dieser 9. Streik tut weh. Richtig weh. Deswegen frage ich: Wie schmerzhaft darf ein Streik sein? 

Streiken ist ein in Art. 9 Abs. 3 GG verankertes Grundrecht. Dass Streik weh tun muss, liegt in seinem Wesen. Unvermeidbar ist es in den meisten Fällen, dass er nicht immer den Richtigen weh tut. Für manche Berufsgruppen ist er die einzige Chance auf eine Verbesserung.

Im vorliegenden Fall der GDL tut der Streik gerade deshalb so weh, weil die Bahn eine Art von Grundversorgung der Bevölkerung liefert bzw. liefern sollte. 30% der Züge fahren. Aber reicht das? Oder sind wir nur zu verwöhnt? Andererseits zahlen wir schließlich sehr viel Geld für den öffentlichen Nahverkehr und sind auf ihn angewiesen…

In den Sozialen Netzwerken fand ich zum Thema Grundversorgung folgenden Denkansatz: Wem die ununterbrochene Grundversorgung durch die Bahn wichtiger als das Streikrecht ist, muss klar gegen die Privatisierung sein. 

Zurück zum eigentlichen Thema: Wie schmerzhaft darf ein Streik sein? Dass Streiks wehtun müssen hatte ich schon angesprochen. Doch ein Streik braucht noch mehr: Die Sympathie der Betroffenen, derjenigen die den Streik aushalten müssen, denen er weh tut. Im Fall der GDL wird jedoch immer mehr Kritik laut. Die Wut aufseiten der Pendler steigt. Die Gewerkschaft verliert immer mehr die Akzeptanz der breiten Bevölkerung. Tut dieser Streik also vielleicht etwas zu sehr weh? 

Hier mal ein kleiner Überblick zu dem siebten Streik:
– er soll länger dauern als der letzte „Monsterstreik“
– ein klares Ende ist nicht in Sicht 
– er trifft die Feiertage
– der letzte Streik ist gerade erst rum

Der Streik soll vorallem der DB weh tun. Schön und gut. Hierfür muss er viele Kunden bzw. die Wirtschaft treffen, die sich beschweren, Geld zurückverlangen etc… Dieser 9. Streik übertrifft für mich jedoch jedes Maß der Dinge und ist für die Bahnfahrer einfach eine Faust ins Gesicht. Hier ein wie ich finde treffender Tweet

„Es kann doch nicht angehen, das ein einziger machtgeiler Gewerkschaftsfunktionär ein ganzes Land ‚terrorisiert‘.“ 

Gerade die Tatsache, dass es kein klares Ende des Streiks gibt, ist für viele ein Problem, weil man sich absolut auf nichts einstellen kann. Fahren die Züge dann wieder oder nicht? Muss ich mir ein Busticket oder eine Mitfahrgelegenheit suchen? Man hat keine Möglichkeit zu planen. Außerdem kam die Ankündigung sehr kurzfristig. Daneben muss ein weiterer Streik um die Feiertage meiner Meinung nach wirklich nicht sein. Reicht es nicht, mir meine Unizeit mit zusätzlichem Ärger zu vermiesen? Oder warum muss man mir jetzt noch meinen wohlverdienten Kurzurlaub versalzen?! 

In einem ZEIT ONLINE Artikel, sieht der Autor in der fehlenden Unterstützung der Bevölkerung und dem immer schlechter werdenden Ansehen der GDL den Grund dafür, dass der Ruf nach neuen Gesetzen lauter wird. Und an so einem Gesetz arbeitet die Regierung bereits… 

Aktuell sieht es jedenfalls so aus als wäre die GDL „der Böse“.  Zu wenig wissen wir über die Absprachen, wer auf wen nicht zugeht bzw. wer nachgibt…

Eins steht für mich jedoch fest: Ein Streik muss weh tun, aber nicht zu sehr. Keine besonders befriedigende Antwort. Entschuldigt. 


Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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