Der abgestürzte Journalismus

Der Absturz des Germanwings-Flugzeuges hält sich hartnäckig in der Presse. Meine Facebook-Timeline kennt schon nahezu kein anderes Thema mehr. Hat die Medienwelt nun den Verstand verloren? 


Das Haus des Co-Piloten wurde gezeigt, sein voller Name veröffentlicht, private Details sowie die verschiedensten Spekulationen. Daneben schlachteten die verschiedensten Medien sein Facebook-Profil aus, um den Lesern zu veranschaulichen wer der Mann war. Likes sind schließlich sehr aussagekräftig…  Nachbarn, Bekannten und Verwandten wird Geld geboten um mehr über den „Amok-Piloten“ (BILD) zu erfahren.

Bettina Schmieding vom „Deutschlandfunk“ schreibt, dass der Journalismus abgestürzt sei.  In den Sozialen Netzwerken sind ebenfalls viele kritische Stimmen zu finden. Darf man den Co-Piloten der mutmaßlich den Absturz absichtlich herbeigeführt hat in der Öffentlichkeit identifizieren, seine trauernden Verwandten bedrängen und in seiner Privatsphäre rumschnüffeln? 

Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig. Geht sie doch viel tiefer: Was darf Journalismus und was nicht? Was muss Journalismus leisten und was nicht? 

Einerseits gehört das Herausfinden, Nachfragen und Recherchieren definitiv zu den Aufgaben von Journalisten. Außerdem muss die Pressefreiheit gewahrt werden. Wir wollen die Hintergründe wissen, nicht angelogen werden und den Vorfall verstehen. Andererseits stellt sich die ethische Frage. Sind unsere Informationsmedien zu skrupellos? Überschreiten sie vorliegend eine Grenze? 

Zunächst einmal gibt es zahlreiche Fälle in denen die Berichterstattung Leben zerstört hat. Zu schnell wird jemand verurteilt – nicht von einem Gericht – sondern von den Medien. Selbst wenn sich später herausstellt, dass derjenige unschuldig ist, kann man die vorherigen Artikel nie wieder rückgängig machen. Es bleibt immer dieser Beigeschmack. 

Im vorliegenden Fall des Germanwings-Absturzes gab es so einige Mutmaßungen: Es wurden Experten befragt, Theorien aufgestellt und jetzt stürzen sich alle auf den Co-Piloten. Wir wollen wissen was passiert ist, doch was haben sein Gesicht, seine Facebook-Seite und sein Wohnhaus damit zu tun? Sind das die entschiedensten Informationen oder hätte man nicht vielmehr darauf verzichten können? Schreiben unsere Medien lieber irgendetwas um überhaupt was schreiben zu können, anstatt sich in Zurückhaltung zu üben? Denn wenn man ehrlich ist, sind die Interviews von Nachbarn, Flugverein und die privaten Bilder nicht wirklich informativ. Würden wir etwas verlieren, wenn wir auf sie verzichten? 

Viele kritisieren die Medien in ihrer aktuellen Berichterstattung – doch sind nicht vielmehr wir Leser schuld? Wir die wir klicken und teilen und liken und kommentieren? Die Medien schreiben für uns. Angebot und Nachfrage. 

Oder müssen uns die Zeitungen, Verlage, Online-Portale  eher maßregeln? Sie entscheiden schließlich wen sie zitieren, wen sie fotografieren und letztlich was sie schreiben. Und sie müssten eigentlich entscheiden was ethisch zu vertreten nicht. Sie ziehen die Grenze und sollten über die Folgen ihres Handelns/ Schreibens nachdenken. Von einer Hetzjagd auf die Angehörigen, das Stören ihrer Trauer, der schnellen Verurteilung aufgrund von nicht fertig ausgewerteten Beweisen bis hin zu dem Beschmutzen eines Menschen, der vermutlich Hilfe gebraucht hätte… 

Die Presse ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Die Öffentlichkeit muss erfahren, was passiert. Bei einem Strafverfahren darf sie an der Verhandlung teilhaben. Doch das Ermittlungsverfahren war nie öffentlich. Das Verhältnis von Justiz und Presse hat sich verändert. Ferdinand von Schirach schreibt in einem Essay: „Alle scheinen zu viele Filme gesehen zu haben, die Pressearbeit der Justiz ist zu einer Mischung aus amerikanischem Gerichtsfilm und >>Richterin Barbara Salesch<<-Show verkommen." Heutzutage müssen die Staatsanwaltschaft und Ermittler zum Germanwings-Absturz Stellung nehmen und schüren damit Mutmaßungen und Theorien. Erst sind sie sich sicher, dass der Absturz absichtlich war und nun schließt der französische Chef-Ermittler auch die Möglichkeit eines technischen Defekts nicht aus. Eigentlich ist man so lange unschuldig, bis man rechtskräftig verurteilt wird. Der Presse scheint dies wohl entgangen zu sein. Allein der Verdacht der Co-Pilot habe Selbstmord begangen und die gesamten Passagiere mit in den Tod gerissen, ist mit vielen Artikeln, Tweets, Facebook-Posts schon ein Urteil geworden. 


Es bleibt abzuwägen, zwischen der Pressefreiheit und der Würde des Co-Piloten und seinen Angehörigen. In meinem Kopf herrscht leider ein absolutes Chaos. Ein ständiges wenn und aber, dagegen und dafür… Was sicher ist: Mein ungutes Gefühl, wenn ich auf meine Facebook-Timeline schaue. 


Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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