Wie wurde eine Terroristin zur Ikone? – Ulrike Meinhof

Ulrike Marie Meinhof wurde 1934 in Oldenburg geboren und erhängte sich 1976 in ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Doch was brachte sie zu diesem endgültigen Schritt?
Sie war eine deutsche Journalistin, die sich in der Westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre engagierte, sich jedoch zu einer Terroristin radikalisierte. Als Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) war sie an verschiedenen „Aktionen“ der terroristischen Gruppe beteiligt. Besonders an ihr ist, dass kein anderes Mitglied der RAF derart oft Mittelpunkt von Publikationen steht wie Meinhof. Was ist an ihr so besonders? Ist es die tragische Geschichte ihres Lebens? Wie konnte eine Frau, die solch schreckliche Anschläge verübte, bei denen mehrere Menschen verstarben, Sympathisanten in der Bevölkerung haben? In diesem Essay soll daher der Frage auf den Grund gegangen werden wie eine Terroristin zur Ikone werden konnte. Dabei liegt der Augenmerk auf dem Stück von Elfriede Jelinek „Ulrike Maria Stuart“. 
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Um ein Urteil über Meinhofs Leben fällen zu können und warum dieses so interessant für Rezeptionen ist, muss zunächst ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden.
Nachdem sie ihre frühe Kindheit in Oldenburg verbrachte, zog sie aufgrund der Anstellung des Vaters Werner Meinhof nach Jena. Nachdem ihr Vater 1940 an Krebs verstarb, begann ihre Mutter Ingeborg Meinhof Kunstgeschichte zu studieren. Renate Riemeck, die Kommilitonin der Mutter trat in Ulrikes Leben und wurde für sie zu einer Vertrauensperson.  Nach dem Einmarsch der Amerikaner zogen Ulrike, Ingeborg sowie Renate zunächst nach Berneck und darauf wieder nach Oldenburg. Als Ulrike 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter Ingeborg, woraufhin der Historikerin Renate die Vormundschaft für Ulrike und ihrer Schwester übertragen wurde. Die politische Karriere Ulrike Meinhofs begann etwa nach dem Abitur bzw. mit Beginn ihres Studiums der Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Germanistik in Marburg. Nachdem sie sich in der evangelischen Reformbewegung engagierte, wechselte sie 1957 zur Westfälischen Wilhelms-Universität nach Münster und schloss sich dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund an. Als Sprecherin des „Anti-Atomtod-Ausschusses“ war sie gegen die Pläne Adenauers die Bundeswehr atomar zu bewaffnen und so in der Friedensbewegung tätig. Nach einer kurzen Zeit als Mitglied des AStA der Universität, trat sie der KPD bei, welche sie erst im Jahr 1964 wieder verließ. Ihre journalistische Karriere startete zwar bereits in der Schulzeit, aber von 1959 bis 1969 arbeitete sie für die linke Zeitschrift „konkret“ und hatte dort die Stellung der Chefredakteurin. 1961 heiratete sie den Herausgeber der Zeitschrift Klaus Rainer Röhl. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, die nach der Trennung 1967 mit Meinhof nach Berlin zogen. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit, lernte sie beim Prozess über die Kaufhaus-Brandstiftungen 1968, über welchen sie publizierte, die Angeklagten Thorwald Proll und Horst Söhnlein sowie die späteren RAF-Mitglieder und Gründer Andreas Baader und Grudrun Ensslin kennen. Nach dem Attentat auf den Studentensprecher Rudi Dutschke, woraufhin sich die Studentenproteste extrem verstärkten, wurde Meinhof immer radikaler und kompromissloser. So nahm sie im Mai 1970 an der Befreiung Andreas Baaders teil, bei welcher ein Unbeteiligter angeschossen und schwer verletzt wurde. Dies wird als erste „Aktion“ und Gründungsakt der RAF bezeichnet. Daraufhin wurden Meinhof und die anderen steckbrieflich wegen Mordverdachts gesucht und ihr Leben ging in den Untergrund. Dort verübte sie mit ihren Genossen der RAF mehrere Banküberfälle und war an fünf Bombenanschlägen beteiligt. 1971/72 formulierte sie drei Kampfschriften der RAF, die die Ideologie des „bewaffneten Kampfs“ untermauerten.  Währenddessen befanden sich ihre beiden Töchter zunächst in Sizilien bei einem Freund, weil   Meinhof sie nicht dem Vater Röhl überlassen wollte. Stefan Aust brachte sie aber nach Hamburg zu Röhl.  Schließlich wurde sie im Juni 1972 festgenommen. Bis Februar 1973 war Meinhof im „toten Trakt“ der Justizvollzugsanstalt Köln inhaftiert und völlig isoliert. Mit einem Text „Brief aus dem Toten Trakt“, der aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde, erzählte sie, wie quälend die Zeit dort war. Dieser hatte eine starke Wirkung auf die Sympathisantenszene. Meinhof verschwieg in ihrem Brief allerdings, das sie in den ersten neun Monaten der Untersuchungshaft über vierzig Besuche empfing. Am 29. November 1974 wurde sie aufgrund der Baader-Befreiung zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und in die Justizvollzugsanstalt Stuttgart eingewiesen. Im Mai 1975 wurde sie wegen vierfachen Mordes und vielfachen Mordversuchs angeklagt. Zu einer Verurteilung kam es jedoch aufgrund ihres Selbstmords 1976 nicht. Ein Justizbeamter der JVA Stuttgart fand Meinhof in ihrer Zelle, mit einem in Streifen gerissenen und verknoteten Handtuch erhängt vor. Eine offizielle Obduktion stellte zwar Tod durch Erhängen fest, aber Mitglieder der RAF bezweifelten den Selbstmord Meinhofs. So wies eine von Angehörigen im August 1976 initiierte internationale Untersuchungskommission Widersprüche in den kriminalistischen und medizinischen Untersuchungen des Todes von Meinhof auf. Sie soll zum Zeitpunkt des Todes bereits tot gewesen sein. Die Todesnachricht Meinhofs führte zu zahlreichen und teilweise gewalttätigen Demonstrationen. Im Herbst 2002 erfuhr ihre Tochter Bettina Röhl, dass das Gehirn ihrer Mutter jahrzehntelang im Formalin aufbewahrt und nicht beerdigt wurde. Es kam heraus, dass Meinhof sich 1962 erfolglos einen gutartigen Tumor im Gehirn entfernen ließ. So könnte auf eine Schuldunfähigkeit Meinhofs infolge eines Hirnschadens plädiert werden. 
Ihr Leben wurde in verschieden Formen, von Büchern, über Filme, Mode, hin zu Theaterstücken rezipiert. So wurde der Text „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von dem Journalisten Stefan Aust eine einflussreiche Darstellung ihres Lebens und Grundlage für den gleichnamigen Film. Die Publizistin Jutta Ditfurth stellte Meinhof in ihrer Biographie von ihr sehr positiv dar. Sarah Coven grenzte sich von den typischen Biographien ab und bezog sich in ihren Texten auf Meinhofs Sprache. Mit dem nötigen Wissen wurden die verschiedenen Journalisten und Publizisten unter anderem von Riemcke und Röhl versorgt, der selbst in seiner Biographie viel über Meinhof schrieb. Auffallend ist, dass das Leben der anderen Terroristen wie Bader oder Ensslin nicht so häufig rezipiert wurden und nicht in derselben Weise mit der deutschen Geschichte verknüpft werden wie die Meinhofs. 
Ein Stück über die Terroristin, das Aufsehen erregte, wurde von Elfriede Jelinek verfasst. Sie überblendete in ihrem Stück „Ulrike Maria Stuart“ die Biographie Meinhofs mit der Maria Stuarts. „Was hat Meinhof, die zu den führenden Mitgliedern der RAF, der so genannten Baader-Meinhof-Gruppe zählte, mit der schottischen Königin Maria Stuart zu tun?“ Die Protagonistin von Schillers Drama ist eng mit der Gegenspielerin Elisabet I., Königin von England, verknüpft. In diesem Gedankenspiel darf bei Meinhof also Gudrun Ensslin unweigerlich fehlen. Folglich erzählt das Stück eine Geschichte um ein Frauenquartett. Wobei Maria Stuart und Meinhof sowie Elisabeth I. und Ensslin jeweils von ein und derselben Schauspielerin gespielt werden. 
„Die beiden zentralen weiblichen Assoziationsfiguren werden mit ihrer Sterblichkeit wie Historizität und zugleich ihrer ewigen Wiederkehr als Mythos konfrontiert. Sie sind über die Generationengrenze hinweg doppelt besetzt und begegnen den Wiedergängerinnen ihrer selbst, die sich ihnen mahnend, fragend oder fordernd in den Weg stellen.“
Das Stück zeichnet „Königinnenstreits“ zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. nach. Wobei diese auf Meinhof und Ensslin übertragen werden um ihre Beziehung zueinander zu zeigen. Die beiden Frauen standen deutlich in Konkurrenz zueinander und waren sehr verschieden in ihren Einstellungen. 
„Gudrun Ensslin erlebte die terroristische Aktion schon seit der Kaufhausbrandstiftung vor allem als ultimative Selbstverwirklichung. <> war der eine Satz, den sie ihrer Schwester 1969 nach der Festnahme sagte. Hingegen muss der Weg der altlinken Starjournalistin Ulrike Meinhof in die RAF bis hin zu ihrem bitteren Ende 1976 als gescheiterter Bildungsroman gelesen werden, in dessen Zentrum eine tiefe Verzweiflung über die Spannung zwischen Geist und Tat steht.“
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Während Meinhof versuchte die Bevölkerung durch ihre Texte aufzurütteln, ging Ensslin also zur Tat über. „>>Die Untauglichkeit meiner Mittel bringt mich fast um<< hatte die ihrer Schreibtischtätigkeit überdrüssige Ulrike Meinhof […] schon im Frühjahr 1968 geäußert.“ Meinhofs Zwiespältigkeit gegenüber Ensslin brachte sie in Kommentaren zum Ausruck, die sie über den Brandstifterprozess für „konkret“ schrieb. „Ensslin und Meinhof mögen zeitweise eine Art >>Gedankenpaar<< gebildet haben. […] Doch nirgends zeigte sich das beziehungsmäßige Machtgefälle zwischen ihnen auf Dauer stärker als in [der] Kinderfrage.“ Das manipulative Talent Ensslins schlug sich deutlich nieder, als es ihr gelang Meinhofs Haltung zu ihren Töchtern „sogar noch in der Haft unerbittlich zum Dreh- und Angelpunkt revolutionärer Moral und Loyalität zu machen.“ So könnte man den endgültigen Abbruch der Beziehung Meinhofs zu ihren Kindern Ende 1973 mit der Verlegung von Ensslin in eine Nachbarzelle im Gefängnis Köln-Ossendorf, wo die beiden jeden Tag einige Stunden gemeinsam verbringen durften, miteinander verknüpfen. „Genau ab diesem Zeitpunkt nahm Meinhof unversehens auch wieder die RAF-typische Kleinschreibung an und verschärfte ihren Tonfall erheblich.“ 
Fraglich ist, ob Meinhof ihre Ikonenstellung, durch falsche Berichterstattung erhielt. So stellten die Fahndungsplakate nach der Baader-Befreiung im Mai 1970, die vor allem Meinhof zeigten, die Sachlage völlig falsch dar. „Die eher zögerliche, unpraktische Helferin hatte freilich mit ihrer Handtasche […] ihren Pass nebst Photo zurückgelassen. Der >>Kopf der terroristischen Roten Armee Fraktion<<, den der Spiegel 1971 in ihr sehen wollte, ist Meinhof nie gewesen. Wenn schon, handelte es sich anfangs um eine Mahler-Baader-Ensslin- […] Gruppe.“ Zwar war Meinhof so etwas wie das Sprachrohr der RAF, dies aber vor allem durch die Qualität ihrer Texte und weniger weil sie das Oberhaupt der Gruppe war. „Die gängige Interpretation, wonach Ulrike Meinhof von Anfang an das mehr oder minder masochistische Opfer des Duos Ensslin-Baader war, geht allerdings fehl. In dem Wissen, dass es nach außen hin sie war, die als Ikone der RAF galt, bewies Meinhof nämlich lange Zeit durchaus erhebliches Selbstbewusstsein.“ Keineswegs war sie nur ein stilles Mäuschen, dass nur so mal mitmachte. So wurde 1976 bekannt, „dass es Ulrike Meinhof gewesen war, die seinerzeit [1972] den Springer-Anschlag geplant und maßgeblich verantwortet hatte.“ So bemühte sie sich in der RAF auch ihre eigenen Vorstellungen einzubringen und handelte als Sprachrohr der RAF häufig selbstständig und ohne Absprache mit den übrigen Mitgliedern. Problematisch dabei war, dass „Meinhofs marxistischer Determinismus […] quer zum triumphalen Voluntarismus der RAF [stand], die nicht Klassenkampf, sondern Befreiungskampf, vor allem aber Selbstbefreiung wollte.“ Durch diesen Streit verlor Meinhof an Bedeutung in der RAF. So spiegelten ihre erbärmlichen Selbstkritiktiraden bald auch die verzweifelte Einsicht, dass sie dem heroischen Sozialdarwinismus der RAF physisch sowie psychisch nicht gewachsen war. Des Weiteren wurde sie vom ehemaligen Sprachrohr der RAF zur Sekretärin degradiert. „Die endgültige Spaltung zwischen den beiden Frauen [Meinhof, Ensslin] dokumentierte sich […] darin, dass Meinhof […] einen Schritt tat, der seit dem Winter 1973, seit der Gemeinschaft der beiden Frauen also, absolut tabu gewesen wäre:“ sie wünschte sich einen Besuch ihrer Kinder. 

Wie kann es also sein, dass von dieser tragischen Geschichte um Meinhof mehr zurückgeblieben ist als von der starken Terroristin Ensslin? Wahrscheinlich hängt es genau damit zusammen. Meinhof ist eine traurige Geschichte, von einer gebrochenen Frau. Die schließlich viel Menschlichkeit zeigte und unter der RAF zunehmend litt. Wobei sie ein sehr ambivalenter Charakter war. Wie könnte es sonst sein, dass sie sich von der kritischen Journalistin, hin zur brutalen Terroristin und schließlich tragische Selbstmörderin, die ihre Kinder vermisste und mit ihren Zielen im Leben gescheitert war. Kam daher auch ihre große Sympathisantenszene? Durch ihr Scheitern? Einerseits hatte die manipulative Ader Ensslins und das Charisma Baaders, sicherlich viel mit Meinhofs Verhalten zu tun, doch hat Meinhof andererseits auch nach eignen Glauben gehandelt und kann daher nicht als Marionette bezeichnet werden. Am ausschlaggebendsten für ihre Ikonen und Märtyrerstellung scheint meiner Meinung der „Mythos-Meinhof“ zu sein. Denn so viel man über sie weiß und vermutet, ist vieles ungewiss, weshalb man schlecht sagen kann, was in ihrem Kopf vorging.  War es so wie Jelinek es im Königinnenstreit zwischen Meinhof und Ensslin zeigte? Oder eher so wie bei Aust, der Meinhof positiv und Ensslin dämonisiert darstellte? Die Literatur stellt die Dinge oftmals überspitzt dar und Biographien sind lediglich Bruchtücke von Erinnerungen. So wird Meinhof wohl ein Mythos und eine Ikone bleiben. 

Literaturverzeichnis:

Gutjahr, Ortrud: Ulrike Maria Stuart von Elfriede Jelinek. Würzburg 2007. 

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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