Porträt: Von einem der nie aufgibt Teil 1 – „Mein Name ist Bernd und ich bin Alkoholiker“

Bernd Goebel, 49 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, kaufmännischer Angestellter, wohnhaft im schönen Sauerland. Klingt nach einem gewöhnlichen Mann. Doch Bernd ist Alkoholiker. Trocken. Heute will ich euch seine Geschichte erzählen. 
Sein erstes Bier hatte er wie viele andere auch: Mit 16 auf einer Jugendfreizeit. Danach immer wieder mal in geselliger Runde. Doch dann wurde aus dem Spaß eine Sucht. Eine Krankheit. Es begann nach und nach mit der Geburt seines Sohnes Lukas 1994. Bernd trank heimlich und versuchte den Alkohol zu verstecken. Dabei waren seine Verstecke völlig absurd. Vom Ofen über das Kinderzimmer hin zum Auto. Mit der Zeit brauchte er immer mehr Alkohol: „Zum Schluss waren es 6-7 Flaschen Bier und zwei Flaschen Wodka pro Tag.“ So trank er sich fast täglich bis zum Filmriss.

Hinter einem Schleier aus Alkohol

Wer so viel trinkt wie Bernd es getan hat, der hört irgendwie auf zu leben. Der Alltag verschwimmt hinter einem Schleier aus Alkohol. „Ich habe mich immer mehr in meine Isolation getrunken, d.h. ich hatte keine Interessen mehr. Kein Interesse mehr an meiner Familie, meinen Freunden, meines Hobbies, meinem Arbeitsplatz und meinen ehrenamtlichen Dingen. Alles drehte sich nur noch um den Alkohol. Die Beschaffung, das Trinken und die Entsorgung.“
Das Bittere daran: So hat er vieles Schönes einfach verpasst oder vergessen. Von der Entwicklung seiner beiden Kinder Laura und Lukas habe er vieles nicht mitbekommen und musste sich viele Dinge im Nachhinein erklären lassen. 
Bernd hatte zudem auch mehr Glück als Verstand: „Ich bin immer besoffen Auto gefahren. Es grenzt an ein Wunder, dass ich keinen Unfall gebaut habe und auch von der Polizei nicht angehalten wurde.“ Daran sieht man, wie man als Alkoholiker die Kontrolle über sein Leben verliert. „Im Büro wurde meine Arbeitsleistung immer schlechter. Wenn ich den Entzug nicht gemacht hätte, wäre ich entlassen worden. Das wäre der Beginn des sozialen Abstiegs gewesen.“ 
Doch warum fängt jemand überhaupt an zu Trinken? In der Therapie musste sich Bernd damit ernsthaft auseinandersetzen. Zusammen mit der Hilfe von Psychologen wurden so zwei Hauptmerkmale erarbeitet: „Das erste war, dass ich es als Kind nicht gelernt habe selbstständig meine Probleme zu lösen. Das haben meine Eltern für mich gemacht. Das zweite war, dass ich immer so sein wollte, wie die anderen Leute mich gerne hätten. Immer gut drauf und immer einen Spruch oder Witz auf Lager. Ich habe nie gesagt, dass es mir schlecht geht. Ich musste immer laufen wie ein Motor im oberen Drehzahlbereich. Irgendwann geht dieser mal kaputt.“ 

Weg von der Flasche 

Bernd hat den Absprung dann doch noch geschafft: Am Dienstag nach Ostern 2005 ist er zu seinem Hausarzt gegangen und sagte ihm, dass er am Ende sei. Er hat ihn in die Psychiatrie eingewiesen, in der er endlich seinen Entzug gemacht hat. „Warum ich an dem Tag direkt vom Büro zu ihm gegangen bin, weiss ich nicht. Es hat mich jemand schwer in den Hintern getreten.“ Sonst hätte er sich im schlimmsten Fall wohl in den Tod getrunken.  Bernd erklärte mir mal, dass es eigentlich nichts bringt einen Alkoholiker auf seine Krankheit immer wieder anzusprechen. Er muss von sich selbst heraus aufhören wollen. Sonst trinkt er einfach immer nur weiter und tut die Vorwürfe mit einem lockeren Spruch ab. Häufig müsste man ganz unten ankommen, um endlich aufzuhören.  Das ist dann der persönliche Tiefpunkt.
Bevor der Entzug am 07.04.2005 begann, holte er zum letzten „großen Rundumschlag“ aus. „6 Tage voll, 24 Stunden, getreu dem Motto: „Nimm alles mit, nach dem Entzug gibt’s nichts mehr“. Ich hatte Abschied von meinem „besten Freund“ genommen, endgültigen Abschied.“ Bevor es an diesem Tag in die Psychiatrie ging, hatte er bis morgens getrunken. „Meine Tasche hatte ich nur zur Hälfte gepackt. Es war mir egal. Ich war am Ende.“ Er kam auf ein Dreibettzimmer mit einem methadonabhängigen Russen und einem depressiven Türken. Die Jungs seien in Ordnung gewesen, doch Bernd ging es richtig schlecht. Der Entzug machte ihm schwer zu schaffen: „Alles es ging wie ein Film an mir vorüber. Ich schwebte, ich hatte keine Schmerzen, nur die verdammte Unruhe, das Schwitzen, der Brechreiz und das Gefühl, dass ich es nicht überleben würde.“  Während dieser Zeit erhielt er Medikamente, die ihn beruhigten. 
Nach etwa fünf Tagen war der Spuk dann vorbei. Die Hände zitterten nicht mehr, der Blutdruck normalisierte sich und er schwitzte nicht mehr. Der Kopf wurde wieder klar. Gereinigt von dem Nebel aus Alkohol.  „Und ich fing an zu lesen. Als ich das erste Buch aus der Bücherei aufschlug fragte ich mich, wann ich das letzte Mal ein Buch gelesen hatte. Das musste mindestens 3 Jahre her gewesen sein. Es war ein tolles Gefühl. Ich habe in den 20 Tagen meines Krankenhausaufenthaltes fast die ganze Bücherei durchgelesen.“
Der Entzug war allerdings nur der erste Schritt eines langen Weges. Ein Jahr lang machte er eine ambulante Therapie und ging sieben Jahre regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Außerdem begann er mit Sport (Nordic Walking und Krafttraining). So hat er es geschafft über 50Kg abzunehmen. Ohne seine Familie und sehr gute Freunde hätte er es wahrscheinlich nicht geschafft. Sie haben ihm immer wieder Kraft gegeben und unterstützt. „In dieser Zeit reifte auch mein Entschluss, dass ich über die Krankheit Alkoholismus aufklären will, auch um zu zeigen, dass Alkis Menschen wie du und ich sind.“

Hilfe für Andere

Für Bernd ist Alkoholismus eine heimtückische Krankheit, die in erster Linie Akzeptanz bedarf. „Wenn ich sage: Mein Name ist Bernd und ich bin Alkoholiker“ habe ich für mich akzeptiert, dass ich Alkoholiker bin und bleibe. Nur durch diese Einsicht habe ich es geschafft, bis jetzt 9,5 Jahre trocken zu bleiben.“ 
Neben der Unterstützung durch andere, schöpfte Bernd die Kraft für die Abstinenz in erster Linie aus seiner positiven und lebensbejahenden Einstellung. „Ich darf mich nicht so wichtig nehmen und darf auch ruhig Fehler zugeben.“ 
Es ist beeindruckend wie offen Bernd mit seiner Krankheit umgeht. Viele andere schämen sich dafür. Doch nutzt er seine Vergangenheit nun, um anderen zu helfen und redet dabei immer Klartext. Zu sagen, dass man immer besoffen Auto gefahren sei, ist schließlich eine harte Erkenntnis. Schockierend für Nicht-Alkoholiker! Er sieht seine Krankheit nicht als Schande, denn er hat etwas dagegen unternommen und niemals aufgegeben! 
Durch Suchtpräventionen an Schulen und in Firmen macht er auf das Thema Alkoholismus aufmerksam. Darüber hinaus arbeitet er eng mit der Caritas Suchtberatung in Olpe zusammen und ist als Gastdozent an der Schule für Alten-Krankenpflege tätig. Auch privat kann man sich mit Fragen rund um das Thema Alkohol immer an ihn wenden. Er ist schließlich Spezialist. Seine Geschichte verarbeitete er in einem Buch, das 2015 verlegt wird. 

Ich danke Bernd für seine Offenheit und das er einem immer mit Rat und Hilfe zur Seite steht! Du bist eine wahre Kämpfernatur! Gib niemals auf!

Weitere Infos über Alkoholismus 

Alkoholismus ist eine der schlimmsten Süchte im 21. Jahrhundert. Er wirkt sich nicht nur auf den Trinkenden aus, sondern auch auf sein Umfeld. Alkohol kann das Leben des Betroffenen völlig zerstören. Ein Alkoholiker kann sein Trinken ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr kontrollieren. Die Krankheit äußert sich körperlich, seelisch und geistig. Alkohol ist ein Zellgift. Langfristig hinterlässt es im Körper seine Spuren und wirkt sich vor allem auf das Gehirn negativ aus. Diese Hirnschädigung führt dazu, dass das Reaktionsvermögen nachlässt, ebenso die Kritikfähigkeit und das Gefühlsleben gerät aus seinen gewohnten Bahnen. 
Nach Meinung der Anonymen Alkoholiker kann man Alkoholismus nur durch vollständige Abstinenz zum Stillstand bringen. Dazu gehört auch die Änderung des eigenen Lebensstils. Wann man Alkoholiker ist, ist schwierig zu beantworten. In anerkannten Tests, werden Fragen gestellt wie: Haben Sie sich über die Ratschläge anderer geärgert, die Sie veranlassen wollen, mit dem Trinken aufzuhören? Ist Ihnen während des Trinkens schon mal der „Film gerissen“, fehlte Ihnen am Tag danach die Erinnerung an ein paar Stunden? Wissenschaftler streiten sich darüber, ob der abendliche Rotwein oder das abendliche Bier, bereits eine Alkoholabhängigkeit darstellt. Wann die kritische Schwelle überschritten ist, kann man also nicht mit Sicherheit sagen. Anzeichen für Alkoholismus liegen in Leberzirrhose,  Krampfanfällen, Entzugssymptomen und Kontrollverlust. 
Klar ist: wer einmal Alkoholiker ist, bleibt dies sein Leben lang. Wenn man also nach fünf trockenen Jahren auch nur ein Bier trinkt, muss man wieder ganz von vorne anfangen.  

Für alle, die sich mit dem Thema noch mehr auseinandersetzen wollen, habe ich euch hier noch ein paar Links zusammengestellt: 

Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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