Lautgedacht: Dorf trifft Stadt – Weniger ist mehr Teil 2

So lief ich also die Innenstadt entlang, vorbei an schicken Läden und Shops links von mir und Bettlern, Künstlern, Missionaren und Obdachlosen zu meiner Rechten. Eine ältere Frau mit südländischem Aussehen saß auf einer Einkaufstüte und ihr fehlte ein Bein. Ich zählte zwei Euro in ihrem Kaffeebecher den sie den Vorbeilaufenden entgegenhielt.
Dachte mir jedoch nichts weiter, musste schließlich schnell weiter damit ich den Zug später Richtung Heimat nicht verpasste, weil ich getrödelt hatte. Bei dem großen Kaufhaus angekommen drang die warme Luft schon zu mir heraus. Augen zu und durch dachte ich mir in der Hoffnung es würde nicht allzu lange dauern. Nach dem eintreten versuchte ich den Fängen von Kosmetika und Schmuck im Erdgeschoss zu entgehen und kämpfte mich durch dieses Labyrinth bis zur Rolltreppe. Schreibwaren im vierten Stock las ich auf der Tafel. Zielsicher machte ich mich auf zu den heißbegehrten Schreibwaren. Rolltreppe, rechts abbiegen, Rolltreppe, rechts abbiegen usw. … Lächelnd lief ich die letzten Stufen der rollende Treppe zügig selbst. Angekommen war von dem eben noch freudigen Lächeln allerdings nicht mehr viel da. Das gibt’s doch nicht! Dieser Kaufhauseinrichter oder wie auch immer sie heißen mögen war doch betrunken. Oder ist der selbe wie der aus dem Buchladen. Ich sah da zwar ein Ordner, aber nicht den den ich wollte. Ach und da hinten waren auch noch welche. Und da in der Ecke auch. Sollte ich jetzt durch die gesamte Etage stöbern? Wieder dachte ich an die Psychologie der Verkäufer und mir war die Antwort klar: ja! Genau das sollst du, damit du möglichst viele Dinge siehst die du zwar grade gar nicht kaufen wolltest, aber jetzt wo du sie schonmal gesehen hast… Und am Ende lässt man sich so ablenken, dass man völlig vergisst was man eigentlich kaufen wollte und es fällt einem erst ein wenn man mit Dutzenden Tüten nach Hause kommt und gefragt wird: ,,Und hast du die Hose die du unbedingt wolltest gekauft?“. So gab ich die Suche nach dem Ordner kurzerhand auf und konzentrierte mich voll auf den Korrekturstift. Leider waren auch hier meine Synapsen schnell völlig überfordert von zu vielen Eindrücken. Unverrichteter Dinge und sauer zog ich von dannen. Schnellen Schrittes lief ich zur u-Bahn Station zurück. So eine Zeitverschwendung.

Da fiel mein Blick auf die Bettlerin von vorhin. Huch wo kommt denn das zweite Bein her? Da fiel mir auch auf dass in der Einkaufstüte auf der sie saß nicht ihre wenigen Habseligkeiten waren, sondern neu eingepackte Anziehsachen. Krass. Naja wer drauf reinfällt ist selbst schuld, oder? Wobei ich es für die Leute die wirklich Geld brauchen um nicht zu verhungern ziemlich unfair und gemein finde. Sympathisch war mir der dunkelhäutige, weißhaarige dünne Mann der strahlend lächelnd seine Schuhputzdienste anbot. Neben ihm lag ein Schild aus Pappe mit der Aufschrift: ,,ich will arbeiten“. Eifrig putzte er die Schuhe eines Mannes und sah dabei zufrieden aus. 

Meinen Zug jedenfalls erreichte ich noch rechtzeitig, sprang eine Stunde später aus ihm heraus, radelte schnell nach Hause und sauste mit dem Auto in die Nachbarstadt. Dieser verkorkste Abend brauchte noch etwas Gutes. Eine halbe Stunde hatte ich noch bis zum Ladenschluss des Drogerie und Schreibwarenladens meines Vertrauens. Binnen kürzester Zeit erwarb ich alles was ich bereits in meiner Unistadt gesucht hatte und sogar noch ein paar andere Dinge – die ich wirklich wirklich wirklich unbedingt brauchte. Mist! Schon wieder auf die Psychotricks hereingefallen. ABER diesmal hatte ich immerhin das gefunden weswegen ich losgezogen bin. 

Meine Lehre aus der Geschichte: nur weil etwas größer, prachtvoller und voller ist, heißt nicht dass es besser ist. Manchmal oder eigentlich sogar meistens ist weniger wirklich mehr. – sollte mir das wohl öfter mal zu Herzen nehmen. Konsum macht viel zu stark abhängig. Verschleiert einem den Blick. Viel zu viele Eindrücke prasseln tagtäglich auf uns herein. Uns wird gesagt was wir unbedingt haben müssen – obwohl wir doch schon viel zu viel haben. Und wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, fehlt der Blick für die Kleinigkeiten wie diesen Schuhputzer mit dem strahlenden Lächeln der einfach nur arbeiten will.

Verfasst von

24, Studentin mit Fernweh und immer einem Buch in der Tasche.

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