Kurztheaterstück (Monolog): ,,Ich packe mein literarisches Handgepäck“

Ich packe mein literarisches Handgepäck für eine große Reise
(S. sitzt vor einem Koffer auf dem Boden. Um sie herum ist ein Chaos aus Büchern, Kleidungsstücken und Anderem. Neben ihr befindet sich ein ,,Regal‘‘. Darin stehen einige Bücher.) (,,Sad Violine‘‘ wird eingespielt)
Endlich mal raus! Endlich mal weg!
Probleme Zuhause. Probleme im… Leben. Weg! Das ist alles was ich will!
(S. nimmt immer wieder einige Kleidungsstücke in die Hand und legt sie wieder weg.)
Wenn da nur nicht dieses leidige Packen wäre. Ich hasse es! Ich finde es entsetzlich! Nervig! Unausstehlich! Es ist immer dasselbe, eine ewige Frage nach dem was ich brauche und was nicht, nach dem wofür und wie. Es ist doch sowieso alles nichtig! Alles wertlos! Was weiß ich, was ich brauchen werde? Ich weiß doch eigentlich nichts. Nur weg, das ist klar!
(leise) Aber mit was? (S. sitzt grübelnd neben dem Koffer)
Ach, egal! Es ist alles egal! (S. wirft wahllos Kleidungsstücke und Anderes in den Koffer) Einfach alles rein!
(S. spricht die auf dem Boden liegenden Bücher an und berührt diese zärtlich.)
Und was ist mit euch?
Welcher meiner Helden darf mich auf meiner großen Reise begleiten? Ihr seid mein Halt im Leben! Immer für mich da! Niemals stoßt ihr mich weg, lacht mich aus. In eure Welt kann ich mich retten, mich fallen lassen, wenn mir in meiner Welt alles zu viel wird.
(leise, Blick nach unten geneigt)
Wäre doch bloß eure Welt, meine Welt!
(S. greift immer zu dem genannten Buch, legt es daraufhin wieder auf den Boden.)
Ich flog zusammen mit Harry Potter auf einem Besen durch die Lüfte, unterhielt mich mit Einstein in einer Nervenheilanstalt, verliebte mich mit Bella in einen Vampir, ließ mich von Mephisto verführen und lebte gemeinsam mit den Kindern von Eden in einer Kommune.
(S. guckt ins Publikum)
Wie ein Sog haben mich diese Bücher in ihren Bann gezogen und ließen mich bis zur letzten Seite nicht mehr los. Alles um mich war vergessen. Unwichtig. Nichtig.  Jedes von ihnen schenkte mir seine Welt, in die ich eintauchen durfte, die ich ganz erleben durfte. Wie könnte ich mich also entscheiden, welches ich von meiner Reise ausschließen sollte, wenn doch sie immer für mich da waren?
(S. spricht ihre Bücher an und berührt diese zärtlich.)
Ich brauche euch doch alle!
(S. umgreift alle Bücher die sie fassen kann und drück diese an sich.)
Ich will doch nur verschwinden. In Euch verschwinden.
(Pause; S. sitzt in sich versunken auf dem Boden)
(S. steht auf. Geht zu den Büchern. Schaut sie durch. Behält eines in der Hand)
,,Tintenherz‘‘, das ist es! Figuren, die aus der Geschichte herausgelesen werden. Die echt werden. Wahr werden.
(,,Sad Violine‘‘ wird im Verlauf immer leiser)
(träumend, irre)Ihr könntet zu meinen Freunden werden. Mir helfen, beistehen, mit mir lachen und weinen, ein Teil meines realen Lebens werden. Viel zu oft lebte, fühlte und litt ich mit euch, in euren Geschichten, weinte, wenn ihr geweint habt und war wie erstarrt wenn ihr es wart.
(,,Together‘‘ wird gut hörbar eingespielt)
(vorwurfsvoll) Viel zu oft war ich in eurer Welt. Die wahre Welt um mich herum vergessen. Jetzt steh‘ ich hier und habe niemanden mehr! Niemanden mehr! Hört ihr? Ich bin allein! Habe nur noch Euch! Jetzt seid Ihr mal dran mich zu retten, mit mir zu fühlen und auch mal mit mir zu weinen!
(S. brüllt die Bücher um den Koffer herum liegend an)
Wo seid ihr jetzt? Jetzt brauche ich euch hier (S. deutet auf sich), in meiner Welt!
Dich Harry Potter, der mir weiß machen wollte dass das Gute am Ende immer gewinnt, dich Bella, die mir einreden wollte, dass es wahre Liebe wirklich  gibt und dich lieber Faust, der mir klarmachen wollte, dass der Mensch niemals zufrieden sein kann.
Wo seid ihr jetzt meine Helden? Habt mich verführt, aus dieser Welt gerissen, zerstört.
Ohne euch besitze ich nichts, nichts von Wert! ( S. wirft die Kleidungsstücke und anderen Sachen aus dem Koffer und räumt dann liebevoll die Bücher, welche auf dem Boden liegen, in den Koffer.)
(Pause)
(S. steht auf, nimmt eines der Bücher und schlägt es auf)
Ohne mich – seid ihr nicht mehr als Papier. Worte, aneinandergereiht, die erst durch mich zum Leben erweckt werden, erst durch mich Sinn und Gestalt erlangen. Ich habe euch geschaffen! Meine Fantasie kleidet euch, macht euch groß oder klein, denkt eure Geschichten weiter, haucht euch erst Leben ein!
(,,Together‘‘ wird leiser und ist kaum noch zu hören)
(S. drückt das Buch zärtlich an ihre Brust; senkt den Kopf)
Der eine ist ohne den anderen nichts! Nur gemeinsam können wir überleben. Für immer verbunden.
(,,Together‘‘ ist aus)
(Pause)
Wir sind eins!     (Ende)



by simas

Veröffentlicht von

23, Studentin, Schreiberling, Ronja Räubertochter mit Hang zu rosa und veganer Kosmetik.

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